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Das Auto als Statussymbol: Verlängerung des Egos oder reine Fortbewegung?

Hand aufs Herz: Wenn Sie morgens den Schlüssel im Schloss umdrehen – oder wahrscheinlicher, den Startknopf drücken, während der Schlüssel lässig in der Hosentasche ruht – was fühlen Sie da? Ist es nur die Vorfreude darauf, von A nach B zu kommen? Oder ist da dieses kleine, fiese Kribbeln, dass die Nachbarn gerade hinter der Gardine hervorlugen und denken: „Mensch, der Müller hat’s geschafft“?

Wir müssen reden. Über Blech, Testosteron und diese seltsame deutsche Obsession, den eigenen Selbstwert an Hubraum und Spaltmaßen festzumachen. Willkommen zurück in der Welt der Status-Symptome.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an unsere Kampagne. Damals, als wir den „Status-Wahn“ als fiktive Krankheit diagnostizierten, lachten viele. „Sowas habe ich nicht“, sagten sie und polierten sonntags zärtlicher ihren Audi, als sie jemals ihre Partner gestreichelt haben. Wir haben damals satirische Kurzfilme gedreht, Blogposts rausgehauen und Selbsttests angeboten, um den „Infizierungsgrad“ mit Materialismus zu messen. Der Witz daran? Es war zwar Satire, aber verdammt nah an der Realität.

Heute schauen wir uns das Phänomen „Auto als Ego-Prothese“ mal ohne ärztlichen Kittel, aber mit dem gleichen scharfen Blick an.

Die stillen Gesetze der Firmenparkplatz-Hierarchie

Ich erinnere mich an einen alten Job in einem mittelständischen Unternehmen im Schwabenland. Dort herrschten Gesetze, die nirgendwo aufgeschrieben waren, aber strikter befolgt wurden als die Straßenverkehrsordnung. Der Geschäftsführer fuhr S-Klasse. Die Abteilungsleiter 5er BMW oder E-Klasse. Die Teamleiter Passat oder A4.

Und dann kam dieser neue junge Vertriebler. Nennen wir ihn Kevin. Kevin war 24, wohnte noch bei Mutti, verdiente okay, aber nicht weltbewegend. Aber Kevin hatte eine Leasingrate, die sein halbes Nettogehalt fraß. Er parkte am ersten Arbeitstag einen C63 AMG direkt neben den Volvo des Chefs.

Sie hätten die Stille in der Kantine hören können. Es war ein Skandal.

Warum? Weil das Auto in Deutschland nie nur ein Transportmittel ist. Es ist eine Uniform. Ein militärisches Rangabzeichen aus Stahl und Lack. Kevin hatte quasi als Gefreiter die Uniform eines Generals angezogen. Das Auto dient hier als soziale Orientierungshilfe:

  • Wer im dicken SUV vorfährt, dem unterstellen wir Durchsetzungsvermögen (oder Rücksichtslosigkeit, je nach Tagesform).
  • Derjenige im verbeulten 15 Jahre alten Kleinwagen gilt als pragmatisch oder eben als „finanziell herausgefordert“.
  • Wer einen nagelneuen Dacia fährt, signalisiert oft demonstratives Desinteresse an Status – was ironischerweise auch schon wieder ein Statussymbol ist. Das „Seht her, ich habe es nicht nötig“-Statement.

Leasing: Der Turbo für das Ego (und der Tod für das Konto)

Früher war die Sache simpel: Man musste reich sein, um ein teures Auto zu fahren. In den 80ern wusste man, wenn einer im Porsche 911 saß, hatte er entweder eine Bank ausgeraubt oder war Zahnarzt. Heute? Heute verschwimmt alles im Leasing-Nebel.

Das Statussymbol hat eine Inflation erlebt. Wenn jeder Zweite mit einem Fahrzeugwert von über 60.000 Euro herumfährt, aber zu Hause Nudeln mit Ketchup isst, weil die Rate am Ersten des Monats abgebucht wird, verliert das Symbol an Aussagekraft. Wir sehen eine massive Entkopplung von tatsächlichem Wohlstand und dargestelltem Wohlstand.

Ich sehe das oft in Großstädten am Freitagabend. Poser-Runden am Wall. Jungs, kaum älter als 20, in Autos mit 500 PS. Ist das „Freude am Fahren“? Vielleicht. Aber primär ist es Balzverhalten. Biologisch gesehen unterscheiden wir uns da kaum vom Pfau, der sein Rad schlägt. Nur dass der Pfau Federn benutzt und wir Carbon-Heckspoiler und Klappenauspuffanlagen.

Das Problem dabei ist die psychologische Falle, die wir damals mit „Status-Symptome“ aufs Korn genommen haben: Wenn du dein Selbstwertgefühl an ein Objekt bindest, das jeden Tag an Wert verliert und dessen Leasingvertrag in 36 Monaten ausläuft – was bleibt dann von dir übrig?

Der medizinische Befund: Chronische Profilneurose

Wenn wir bei unserer alten Metapher bleiben, zeigt der Patient oft folgende Symptome:

Die Parklücken-Paranoia
Ein klassisches Anzeichen. Der Betroffene parkt seinen Neuwagen am äußersten Ende des Supermarktparkplatzes, quer über zwei Parkbuchten. Die Angst vor der „Delle durch Türschlag eines Dacia-Fahrers“ ist größer als die Angst vor dem Klimawandel. Das Auto wird nicht als Gebrauchsgegenstand, sondern als unantastbares Heiligtum behandelt.

Der Ampel-Starr-Reflex
Steht man an der roten Ampel, wird der Blick starr geradeaus gerichtet, während man aus dem Augenwinkel hektisch das Modell auf der Nebenspur scannt. Ist es das Facelift-Modell? Hat er die größeren Felgen? Ein kurzes Gasgeben beim Anfahren (völlig unnötig im Stadtverkehr) dient der akustischen Revier markierung.

Die Ausstattungs-Liste als Literatur
Fragen Sie einen Infizierten nach seinem Auto, sagt er nicht „Ich fahre einen Audi“. Er sagt: „Ich hab den A6 Avant, 3.0 TDI, S-Line, mit dem Bang & Olufsen System und dem Panorama-Dach.“ Jedes Detail muss genannt werden, denn jedes Extra war teuer und muss kommuniziert werden.

Der Wandel: Ist das Statussymbol Auto tot?

Man hört es ständig: „Die Jugend von heute macht gar keinen Führerschein mehr.“ Und tatsächlich, in Berlin-Mitte oder im Hipster-Viertel von Köln wirst du mit einem fetten SUV eher mitleidig als bewundernd angeschaut. Das Statussymbol verschiebt sich.

Ich habe neulich mit einem erfolgreichen Tech-Gründer gesprochen. Der Typ macht Millionenumsätze. Was fährt er? Ein Lastenrad. Ein verdammtes, elektrisches Lastenrad für 6.000 Euro. Und er ist stolz drauf wie Bolle. In bestimmten Kreisen ist der Verzicht auf das Auto das neue Statussymbol. Es signalisiert: Ich bin so urban, so vernetzt und so umweltbewusst, dass ich diese fossilen Dinosaurier nicht mehr brauche.

Aber täuschen wir uns nicht. Das Ego stirbt nicht, es sucht sich nur neue Träger. Dann ist es eben der Tesla. Wobei Tesla eine interessante Zwitterstellung einnimmt. Vor ein paar Jahren war ein Tesla das ultimative Zeichen für „Ich bin Zukunft“. Heute, wo sie so häufig sind wie früher der Golf, bröckelt der Lack. Zudem schwingt bei Elon Musks Eskapaden mittlerweile eine politische Note mit, die nicht jedem gefällt.

Praktischer Ansatz: Wie man sich selbst heilt

Unsere alte Website hatte einen diagnostischen Selbsttest. Den gibt’s hier jetzt nicht, aber ich gebe Ihnen eine einfache Frage an die Hand, um zu prüfen, ob Ihr Auto eine „Verlängerung“ oder ein Werkzeug ist.

Stellen Sie sich vor, Sie gewinnen im Lotto. Sie kaufen Ihr absolutes Traumauto. Einen Ferrari, einen riesigen G-Klasse Mercedes, was auch immer. Aber: Es gibt eine Bedingung. Das Auto ist unsichtbar für alle anderen. Niemand außer Ihnen sieht es. Niemand dreht sich danach um. Es macht kein Geräusch, das andere beeindruckt.

Würden Sie es immer noch kaufen? Nur für das Fahrgefühl? Für das Leder, das Kurvenverhalten?

Wenn Sie zögern, dann haben Sie – sorry für die Direktheit – ein Status-Problem. Und das ist teuer.

Ein Plädoyer für die „reine Fortbewegung“ (mit ein bisschen Spaß)

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe Autos. Ich liebe das Geräusch eines gut abgestimmten Reihensechszylinders. Es ist okay, schöne Dinge zu mögen. Das Problem beginnt dort, wo wir das Auto nutzen, um Defizite in anderen Lebensbereichen zu kompensieren.

Der pragmatische Ansatz, den wir damals propagiert haben, bedeutet nicht, dass wir alle in hässlichen Kisten rumfahren müssen. Es bedeutet, ehrlich zu sich selbst zu sein.

Ein Auto sollte primär drei Dinge tun:

  1. Dich sicher transportieren (ohne dass du bei jedem Bremsmanöver betest).
  2. Zu deinem tatsächlichen Leben passen (ein Zweisitzer-Cabrio ist sinnlos, wenn du drei Kinder und einen Bernhardiner hast, egal wie cool es aussieht).
  3. Finanziell keine Schlinge um deinen Hals sein.

Es gibt eine gewisse Lässigkeit, die man erreicht, wenn einem der Status-Aspekt egal wird. Ich kenne einen Architekten, sehr vermögend, der fährt einen 12 Jahre alten Volvo Kombi. Das Ding hat Kratzer, innen riecht es manchmal nach nassem Hund. Aber wenn er aussteigt, wirkt er souveräner als der Typ nebenan im geleasten Maserati, der panisch checkt, ob die Felge den Bordstein berührt hat.

Fazit: Die Diagnose bleibt bestehen

Das Auto als „Verlängerung des Egos“ wird nicht aussterben, solange Menschen das Bedürfnis haben, sich zu vergleichen. In Deutschland ist das Blech heilig. Aber vielleicht, nur vielleicht, können wir lernen, das Ganze mit einem Augenzwinkern zu sehen. Wie damals bei unserer Kampagne.

Wenn Sie das nächste Mal jemanden sehen, der an der Ampel den Motor aufheulen lässt oder dessen Auspuffendrohre einen größeren Durchmesser haben als eine Familienpizza, ärgern Sie sich nicht. Lächeln Sie. Denken Sie an die medizinische Diagnose. Denken Sie: „Ah, akute Status-Insuffizienz. Gute Besserung.“

Und dann fahren Sie gemütlich weiter. Egal ob im Porsche oder im Polo. Denn am Ende des Tages stehen wir alle im gleichen Stau.