Uncategorized

Die Leasingfalle: Schulden für den schönen Schein

Es riecht nach „New Car Scent“ aus der Dose, nach billigem Energy-Drink und nach Angstschweiß. Wir kennen die Szene alle: Samstagabend an der Tankstelle oder auf dem Parkplatz vom lokalen McDonald’s. Da stehen sie, die Boliden. Mattfoliert, tiefergelegt, böser Blick. Daneben die Fahrer: Anfang zwanzig, stylische Sneaker, das neueste iPhone lässig in der Hand. Auf Instagram sieht das Leben dieser Jungs aus wie ein Musikvideo. Aber wenn man das Handy weglegt und mal ehrlich in die Kontoauszüge schaut, sieht die Realität verdammt düster aus. Willkommen in der Leasingfalle.

Als Teil unserer Diagnose bei Status-Symptome müssen wir hier mal Tacheles reden. Wir behandeln den Status-Wahn ja gerne als fiktive Krankheit, aber die finanziellen Narben, die das „Leasing für den Flex“ hinterlässt, sind absolut real. Ich habe genug junge Leute gesehen, die für ein bisschen Blech und vier Ringe auf dem Kühlergrill ihre komplette finanzielle Zukunft gegen die Wand gefahren haben – und zwar mit 250 km/h auf der linken Spur.

Der Dopamin-Kick und die kalte Dusche

Fangen wir mal damit an, warum wir das überhaupt tun. Niemand unterschreibt einen Knebelvertrag über 48 Monate, nur weil er bequem von A nach B kommen will. Dafür reicht ein 10 Jahre alter Golf. Nein, es geht um das Gefühl, wenn du den Schlüssel auf den Tisch legst. Bamm. Das M-Logo, der Stern, die Ringe. In dem Moment bist du wer. Dein Gehirn wird geflutet mit Glückshormonen.

Das Problem ist nur: Dieser neurochemische Rausch hält ungefähr zwei Wochen an. Die monatliche Abbuchung bleibt aber für Jahre.

Wir nennen das in unserer „Klinik“ gerne das Realitätsverlust-Syndrom. Der Patient glaubt, der Besitz des Schlüssels mache ihn zum Besitzer des Autos. Fakt ist aber: Dir gehört an der Karre gar nichts. Nicht mal die Fußmatten, wenn wir es genau nehmen. Du bist nur der Mieter, der für den Wertverlust aufkommt, während er so tut, als wäre er der CEO der Straße.

Die Milchmädchenrechnung: „Rate kann ich mir leisten“

Das ist der Satz, bei dem jeder Finanzberater innerlich zusammenzuckt. „Ich hab 2.100 Netto, die Rate ist 499 Euro. Passt doch locker!“

Nein, Kevin, das passt eben nicht. Und ich sag dir auch genau, warum diese Rechnung der direkte Weg in den Eintrag bei der Schufa ist.

Lass uns mal ein realistisches Szenario durchspielen, wie es jeden Tag in deutschen Autohäusern passiert. Da steht ein junger Typ vor einem AMG A45 oder einem vergleichbaren Kaliber. Der Verkäufer rechnet das Leasing schön („Sonderzahlung? Ach, machen wir über eine kleine Finanzierung nebenbei“).

Hier ist, was die meisten völlig ausblenden:

  • Die Versicherung frisst dich auf. Wenn du unter 25 bist und so eine PS-Schleuder anmeldest, lachen die Versicherer sich ins Fäustchen. Vollkasko ist Pflicht beim Leasing. Da bist du schnell bei 200 bis 300 Euro im Monat, wenn du keine Prozente von Oma übernehmen kannst.
  • Der Durst der Maschine. Wer so ein Auto least, will es auch treten. Keiner least sich 400 PS, um im Eco-Modus hinter LKWs zu segeln. Wenn so ein Turbo-Motor gefordert wird, fließen da locker 15 bis 20 Liter Super Plus durch. Jeden. Einzelnen. Monat.
  • Service und Wartung sind keine Empfehlung, sondern Befehl. Du kannst nicht zum Schrauber um die Ecke gehen. Das Scheckheft muss lückenlos bei der Vertragswerkstatt gepflegt werden. Ein Satz Bremsen für Performance-Modelle? Da ist ein Monatsgehalt weg. Einfach so.

Am Ende kostet dich die „499 Euro Rate“ real eher 1.200 Euro im Monat. Und wenn du dann noch Miete zahlen, essen oder vielleicht mal ins Kino gehen willst, wird die Luft verdammt dünn.

Die Falle schnappt zu: Die Rückgabe

Jeder Leasingnehmer kennt dieses unbestimmte Gefühl im Magen, wenn der Vertrag ausläuft. Die Stunde der Wahrheit. Der DEKRA-Gutachter kommt. Und glaub mir, dieser Mensch hat Augen wie ein Adler und das Herz eines Buchhalters.

Du dachtest, der kleine Kratzer an der Felge hinten rechts ist egal? „Normale Gebrauchsspuren“, oder? Vergiss es. Bei Hochglanz-Felgen ist das ein Schaden. Neue Felge: 800 Euro.

Dass du im Innenraum mal mit der Jeansniete über das Leder gerutscht bist? Polstertausch: 1.500 Euro.

Steinschläge auf der Motorhaube? Neulackierung.

Ich habe Leute weinen sehen bei der Rückgabe. Ohne Witz. Da kommen Nachforderungen von 3.000, 5.000 oder mehr Euro zusammen, die sofort fällig sind. Und das Geld hat niemand auf der hohen Kante, weil ja das ganze Gehalt monatlich in den Tank geflossen ist. Das ist der Moment, wo aus dem „schönen Schein“ echte Schulden werden. Ein Kredit, um die Schäden am Leasingauto zu bezahlen, das man gar nicht mehr hat – das ist das finanzielle Äquivalent dazu, sich selbst ins Knie zu schießen und sich dann über den Schmerz zu wundern.

Das Kilometer-Roulette

Noch so ein Klassiker der Selbsttäuschung. Im Vertrag stehen 10.000 Kilometer pro Jahr, weil das die Rate so schön drückt. „Ach, ich fahr eh nicht viel“, redest du dir ein.

Dann hast du die Karre aber. Und du willst sie zeigen. Du fährst zu Treffen, du besuchst Freunde in Hamburg, du fährst sinnlos Runden durch die Innenstadt. Nach sechs Monaten hast du das Jahreskontingent voll. Was jetzt?

Die Karre stehen lassen? Du zahlst ja trotzdem weiter dafür. Also fährst du weiter. Die Mehrkilometer-Abrechnung am Ende ist brutal. Da werden Cent-Beträge pro Kilometer fällig, die sich zu Tausenden summieren. Ich kenne Fälle, da wurde das Auto quasi nur noch benutzt, um zur Arbeit zu kommen, aus purer Panik vor dem Kilometerzähler. Das ist keine Freiheit, das ist ein Gefängnis auf Rädern.

Wenn der Bürge blutet

Das ist der Punkt, an dem der Spaß aufhört und es moralisch fragwürdig wird. Oft reicht die Bonität des jungen Fahrers nicht aus. Was passiert? „Papa, kannst du bürgen?“ oder „Oma, unterschreibst du hier mal kurz?“

Die Familie macht es oft, weil sie helfen will oder dem Druck nicht standhält. Aber wenn der Junior die Raten nicht mehr bedienen kann oder den Wagen in den Graben setzt (und die Versicherung wegen grober Fahrlässigkeit bockt), dann stehen die Eltern oder Großeltern in der Haftung. Das zerstört nicht nur Kontostände, das zerstört Familienfrieden für Generationen.

Es ist eine Sache, sein eigenes Leben zu ruinieren. Aber andere mit in den Abgrund zu reißen, nur um an der Ampel cool auszusehen? Das ist ein Symptom, das dringend behandelt gehört.

Die therapeutische Intervention: Was tun?

Bei Status-Symptome predigen wir ja nicht den Verzicht auf Spaß. Autos sind geil. Technik ist faszinierend. Aber die Dosis macht das Gift.

1. Der emotionale Entzug

Frag dich ehrlich: Wen willst du beeindrucken? Leute an der Tankstelle, die du nicht kennst? Deine Ex-Freundin? Kumpels, die selbst pleite sind? Echter Status ist, wenn du nachts ruhig schlafen kannst, weil du keine Schulden hast.

2. Die „Schrottmühle“ als Befreiungsschlag

Es gibt eine fast spirituelle Erfahrung, die ich jedem Auto-Fanatiker wünsche: Kauf dir für 2.000 Euro einen alten Japaner oder einen ranzigen Golf. Bar bezahlt. Brief bei dir zu Hause in der Schublade.

Wenn dir da einer auf dem Supermarktparkplatz die Tür reinhaut, zuckst du nur mit den Schultern. Kein Gutachter, keine Nachzahlung, keine Angst. Das ist die wahre Freiheit. Du fährst das Auto, das Auto fährt nicht dich.

3. Die 10-Prozent-Regel

Wenn es unbedingt ein schönes Auto sein muss, halte dich an eine Faustregel aus der alten Schule: Alle Autokosten zusammen (Rate, Sprit, Versicherung) sollten nie mehr als 10 bis maximal 15 Prozent deines Nettoeinkommens ausmachen. Wenn der Traumwagen 40 Prozent frisst, bist du kein Enthusiast, sondern ein Opfer der Marketingabteilungen.

Der Weg zur Besserung

Es ist keine Schande, ein Auto zu fahren, das dem eigenen Budget entspricht. Im Gegenteil. In einer Welt voller Blender und Leasing-Poser ist der Typ, der entspannt in seinem bezahlten, zehn Jahre alten 3er BMW sitzt und Geld für Weltreisen oder ETF-Sparpläne übrig hat, der eigentliche Gewinner.

Die Leasingfalle funktioniert nur, weil wir uns über Äußerlichkeiten definieren. Wir versuchen, eine innere Leere mit Hubraum zu füllen. Aber Spoiler-Alarm: Das funktioniert nicht. Der kurze Kick beim Beschleunigen ist teuer erkauft. Unser Tipp aus der „Praxis“: Mach den Selbst-Test auf unserer Seite, lach mal über dich selbst und dann… kauf dir vielleicht erstmal ein Fahrrad. Oder einen Youngtimer, an dem du selbst schrauben kannst. Das schafft nämlich eine Verbindung zum Fahrzeug, die keine Leasingrate der Welt erkaufen kann.