Uncategorized

Narzissmus am Steuer: Wie Persönlichkeit den Fahrstil prägt

Gestern Morgen auf der A5, kurz vor Frankfurt. Linke Spur. Der Verkehr fließt zäh – sagen wir, 110 km/h, wo eigentlich 130 erlaubt wären. Im Rückspiegel taucht plötzlich dieser aggressive Kühlergrill auf. Sie kennen den Typ: Xenon-Scheinwerfer, die aussehen wie die zusammengekniffenen Augen eines Raubtiers, das seit drei Wochen nichts gefressen hat. Der Abstand? Vielleicht zwei Meter. Wenn ich bremsen müsste, säße der Fahrer auf meiner Rückbank.

Es ist kein Einzelfall. Es ist ein Symptom.

Hier bei Status-Symptome befassen wir uns seit Ewigkeiten mit genau diesem Phänomen: Das Auto nicht als Transportmittel, sondern als medizinisch bedenkliche Verlängerung des eigenen Geltungsbedürfnisses. Narzissmus am Steuer ist keine bloße Redewendung für „Arschloch im Verkehr“. Es ist ein komplexes Zusammenspiel aus Blech, Testosteron (oder dessen Ersatzstoffen) und einer tiefsitzenden Angst vor Bedeutungslosigkeit.

Der Innenraum als Echokammer des Egos

Warum werden ansonsten vernünftige Familienväter oder erfolgreiche Abteilungsleiterinnen zu Bestien, sobald die Tür ins Schloss fällt? Die Psychologie nennt das „Deindividuation“. Ich nenne es den „Panzer-Effekt“.

Moderne Autos, besonders die aus dem Premiumsegment, sind so gut isoliert, dass man die Außenwelt kaum noch wahrnimmt. Keine Windgeräusche, perfektes Klima, Massagesitze. Da draußen sind „die Anderen“ – Hindernisse, keine Menschen. Man riecht ihre Abgase nicht, man hört ihre Flüche nicht. Man sieht nur Blechkisten, die einem im Weg stehen. Das Auto wird zu einer zweiten Haut, aber einer Haut aus Stahl und Carbon, die unverwundbar macht.

Für jemanden mit narzisstischen Zügen ist das wie Benzin fürs Feuer. Narzissten brauchen ständige Bestätigung ihrer Großartigkeit. Im Büro kann man widersprechen. Zuhause nörgelt vielleicht der Partner. Aber auf der Straße? Wer den stärkeren Motor hat, hat Recht. Zumindest in deren Logik.

Woran Sie den „Auto-Narzissten“ erkennen (Es ist nicht nur die Marke)

Natürlich gibt es Klischees. Der schwarze SUV, das tiefgelegte Coupé aus Bayern. Aber Vorsicht vor voreiligen Diagnosen. Ich habe schon Fahrer in Kleinwagen gesehen, die gefahren sind, als müssten sie einen Preis für die kreativste Verkehrsgefährdung gewinnen. Es geht weniger um das Auto selbst, sondern darum, wie es als Waffe eingesetzt wird.

Achten Sie mal auf folgende Verhaltensmuster im Straßenverkehr. Das sind keine Fehler aus Unachtsamkeit. Das ist Kalkül.

  • Der Reißverschlussverkehr ist für diese Menschen eine persönliche Beleidigung. Sie lassen prinzipiell niemanden rein. Warum? Weil jemand vor ihnen zu sein bedeutet, dass sie selbst hinten sind. Und ein Narzisst ist niemals hinten.
  • Lichthupe bei Tempo 200, obwohl die Spur vor Ihnen auch voll ist. Das ist der Klassiker. Die Botschaft dahinter ist nicht „Bitte fahr schneller“, sondern „Meine Zeit ist wertvoller als deine Sicherheit“.
  • Parken ist ein ganz eigenes Kapitel. Sie kennen diese diagonal über zwei Parkplätze abgestellten Limousinen vor dem Supermarkt? Die offizielle Ausrede lautet meistens: „Ich will keine Dellen in der Tür.“ Die psychologische Übersetzung lautet: „Mein Raumanspruch ist doppelt so groß wie der des Pöbels.“
  • Das ständige Beschleunigen, wenn man überholt wird. Das ist besonders perfide. Man fährt konstant 120, setzt zum Überholen an, und plötzlich gibt der zu Überholende Gas. Er kann es nicht ertragen, „verloren“ zu haben.

Status-Symptome: Wenn das Auto zur Prothese wird

Wir haben das bei unserer Arbeit für Status-Symptome immer wieder satirisch aufgearbeitet, aber der Kern ist bitterer Ernst. Wenn jemand den Großteil seines verfügbaren Einkommens (und oft noch Kredite) in ein Fahrzeug steckt, das weit über den pragmatischen Nutzen hinausgeht, kompensiert er etwas. Wir nannten das in unseren Kampagnen gerne „Metallschwanz“.

Ein pragmatischer Fahrer sieht das Auto als Werkzeug. Es muss funktionieren, sicher sein und vielleicht noch einigermaßen bequem. Der narzisstische Fahrer sieht das Auto als Erweiterung seines Selbstwerts. Jeder Kratzer im Lack ist ein Kratzer im Ego. Jedes Überholtwerden ist eine existenzielle Krise.

Interessant ist hierbei eine Studie (die ich neulich in einem Fachblatt überflogen habe, während ich eigentlich Ersatzteile für meinen alten Volvo suchte): Es gibt tatsächlich eine Korrelation zwischen dem Preis des Autos und der Wahrscheinlichkeit, für Fußgänger am Zebrastreifen anzuhalten. Je teurer die Karosse, desto seltener wird gebremst. Das ist kein Witz. Es scheint, als würde mit dem Kaufpreis auch das Gefühl eingebaut, über dem Gesetz zu stehen.

Die Illusion der Kontrolle

Im Leben läuft es oft nicht rund. Der Chef nervt, die Börse crasht, die Beziehung kriselt. Aber im Auto? Da hat man das Lenkrad in der Hand. Ein Tritt aufs Pedal, und die Maschine gehorcht sofort. 300 PS, 400 PS, 500 PS – das ist Macht auf Abruf.

Für den Narzissten ist der Straßenverkehr oft der einzige Ort, an dem er diese absolute Kontrolle ausleben kann. Wenn er Ihnen im Kofferraum hängt, zwingt er Sie zu einer Reaktion. Er kontrolliert Ihre Emotionen (Sie bekommen Angst oder werden wütend) und Ihr Handeln (Sie machen Platz). Das ist ein enormer Kick.

Das Problem ist nur: Wir anderen leiden darunter. Wir sind die Statisten in ihrem Action-Film.

Therapieansätze (Oder: Wie man nicht wahnsinnig wird)

Was machen wir nun mit dieser Diagnose? Wir können die Leute schlecht alle aus ihren Autos zerren und auf die Couch legen (obwohl das ein interessantes Format für unsere nächste Webserie wäre).

Der erste Schritt ist die eigene Gelassenheit. Wenn Sie das nächste Mal von so einem Status-Symptom-Patienten bedrängt werden, versuchen Sie es mal mit Mitleid statt Wut.

Denken Sie sich: „Der Arme. Er muss so dicht auffahren, weil er sonst nichts fühlt.“ Oder: „Vielleicht muss er so schnell fahren, weil er vor sich selbst davonläuft.“ Das klingt esoterisch, hilft aber ungemein, den eigenen Blutdruck unten zu halten. Lassen Sie ihn vorbei. Geben Sie ihm seinen kleinen Sieg. Er braucht ihn dringender als Sie.

Ein Wort zur Selbstdiagnose

Seien wir ehrlich: Niemand ist perfekt. Auch ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich mich über einen „Schleicher“ aufgeregt habe, der sich strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt. Bin ich deshalb ein Narzisst? Wahrscheinlich nicht, nur ein gestresster Pendler.

Aber der Übergang ist fließend. Fragen Sie sich selbst:

  • Fühlen Sie sich persönlich angegriffen, wenn Sie überholt werden? Wenn ja, warum? Es ist nur Physik, keine Kritik an Ihrer Persönlichkeit.
  • Nutzen Sie Ihr Auto, um Leute zu beeindrucken, die Sie eigentlich gar nicht mögen? Das ist das klassische „Status-Symptom“.
  • Können Sie entspannt hinter einem LKW herzuckeln, wenn es eh nicht schneller geht, oder beißen Sie ins Lenkrad?

Fazit: Pragmatismus als Heilmittel

Am Ende des Tages ist das Auto ein Haufen Metall, Plastik und Gummi. Es bringt uns von A nach B. Der ganze Status-Kult drumherum ist eine gesellschaftliche Illusion, die wir uns teuer erkaufen – mit Geld, Nerven und Sicherheit.

Die Kampagne Status-Symptome hat sich immer darüber lustig gemacht, wie ernst wir unsere Fahrzeuge nehmen. Und vielleicht ist genau das die Lösung: Ein bisschen mehr Humor und ein bisschen weniger Ego auf dem Asphalt. Ein Dacia im Stau ist genauso schnell wie ein Ferrari im Stau. Der Dacia-Fahrer hat nur vermutlich den entspannteren Puls, weil er keine Angst hat, dass sein Leasing-Restwert sinkt, wenn ihm einer hinten draufrollt.

Fahren Sie vorsichtig. Und wenn Ihnen der nächste Drängler im Nacken sitzt – lächeln Sie einfach. Er ist krank. Sie sind gesund.