Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal versucht, in einem Parkhaus aus den achtziger Jahren einen modernen SUV zu parken? Ich spreche nicht von diesen niedlichen Crossovern, die im Grunde nur hochgelegte Golfs sind. Ich meine die echte Kavallerie. Den Q8, den X7, den GLS. Man fühlt sich wie ein Elefant, der versucht, sich in einer Hundehütte umzudrehen. Es quietscht, die Parksensoren schreien einen hysterisch an, und am Ende muss man sich durch einen zehn Zentimeter breiten Türspalt quetschen, wobei man den Mantel an der dreckigen Karosserie ruiniert.
Aber hier sind wir. Das „Status-Symptom“ hat seinen metallischen Höhepunkt erreicht. Der SUV ist nicht mehr nur ein Auto; er ist der manifestierte Wille, sich von der Umwelt abzukapseln. Wir bei Status-Symptome diagnostizieren diesen Zustand schon lange, aber in letzter Zeit scheint die Fieberkurve steil nach oben zu zeigen. Es ist ein bizarrer Tanz zwischen dem Bedürfnis nach maximaler subjektiver Sicherheit (Panzer) und der Realität verstopfter Innenstädte (Stadtproblem).
Die Illusion der Unverwundbarkeit
Werfen wir mal einen nüchternen Blick auf die Physik, ganz ohne Marketing-Sprech. Die Autoindustrie verkauft uns diese Kolosse mit dem Versprechen von Sicherheit. „Wenn es kracht, gewinnt Masse“, das ist die unausgesprochene Stammtischweisheit. Und ja, wenn Sie in einem 2,5-Tonnen-Trumm gegen einen Fiat 500 prallen, haben Sie physikalisch die besseren Karten. Aber zu welchem Preis?
Dieses Wettrüsten auf der Straße hat etwas von einer paranoiden Störung. Wir kaufen Fahrzeuge, die für den Ernstfall gepanzert sind, als würden wir täglich durch ein Minenfeld zur Kita fahren. Dabei ist die Gürtellinie der Autos inzwischen so hoch gezogen, dass Kinder unter zehn Jahren oder Poller einfach aus dem Sichtfeld verschwinden. Wir haben Kameras vorne, hinten, an den Spiegeln und wahrscheinlich bald auch unterm Sitz, nur um das zu kompensieren, was früher „Fensterfläche“ hieß.
Ein befreundeter Ingenieur meinte neulich trocken zu mir: „Wir bauen keine Autos mehr, wir bauen rollende Festungen für Leute, die Angst vor dem Außenkontakt haben.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf. Man sitzt so weit oben, entrückt vom Pöbel, und fühlt sich mächtig. Das ist kein Zufall, das ist Design-Psychologie.
Ein Diagnose-Versuch: Warum wir Panzer fahren
Im Rahmen unserer Kampagne haben wir uns oft gefragt: Was kompensieren wir hier eigentlich? Es ist ja nicht so, dass der deutsche Durchschnittsfahrer ständig Offroad-Fähigkeiten braucht. Der höchste Berg, den diese Allrad-Monster je erklimmen, ist der Bordstein vor der Bäckerei.
Es gibt da ein paar Faktoren, die tiefer liegen als bloße Vorliebe für Sitzhöhe:
- Es geht um Dominanz im Rückspiegel. Wenn so ein Kühlergrill im Format eines Garagentors hinter einem Kleinwagen auftaucht, macht der Platz. Das ist primitive psychologische Kriegsführung auf der A5.
- Die Straßen werden aggressiver, also rüsten wir auf. Es ist ein Teufelskreis. Weil alle anderen SUVs fahren, fühlt man sich in einer Limousine plötzlich verletzlich und klein. Niemand will das Opfer sein.
- Der „Jack Wolfskin“-Effekt. Wir tragen Funktionskleidung für die Arktis-Expedition, während wir im klimatisierten Büro sitzen, und wir fahren Geländewagen im Stau. Es ist die käufliche Simulation eines Abenteuers, das wir nie erleben werden.
Der Elefant im Porzellanladen (oder in Schwabing)
Kommen wir zum pragmatischen Teil, der mir persönlich am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Unsere Infrastruktur ist einfach nicht dafür gemacht. Das ist keine Meinung, das ist Geometrie.
Die meisten öffentlichen Parkplätze basieren auf Richtlinien, die Jahrzehnte alt sind. Damals war ein Auto etwa 1,60 bis 1,70 Meter breit. Ein aktueller BMW X5 misst mit Spiegeln locker über 2,20 Meter. Stellen Sie drei davon nebeneinander, und die Mathematik geht einfach nicht mehr auf. Man sieht das jeden Tag: Reifen, die über die weiße Linie quellen, blockierte Gehwege, weil das Heck einen halben Meter in den Raum ragt.
Ich erinnere mich an eine Szene letzte Woche: Eine enge Einbahnstraße, links und rechts Parker. Ein fetter SUV kommt entgegen, ich in meinem Kompakten. Er bleibt stehen. Nicht etwa, weil er Platz machen will, sondern weil der Fahrer die Dimensionen seines eigenen „Sicherheitspanzers“ überhaupt nicht einschätzen kann. Er thront so hoch und die Motorhaube ist so lang und flach, dass er keine Ahnung hat, wo sein Auto aufhört und die Realität anfängt. Wir standen da drei Minuten, bis er sich zentimeterweise vorgetastet hat. Schweißgebadet. Echte Souveränität sieht anders aus.
„Status ist, wenn man ein Auto kauft, das man nicht braucht, mit Geld, das man nicht hat, um Leute zu beeindrucken, die man in der Innenstadt dann mangels Übersicht überfährt.“
Die soziale Komponente: Das „Elterntaxi“-Phänomen
Nichts illustriert die Absurdität besser als der morgendliche Kampf vor den Grundschulen. Da werden 30-Kilo-Kinder in 2,5-Tonnen-Stahlkolossen zur Pforte chauffiert, um sie vor dem Verkehr zu schützen. Die Ironie, dass genau diese Kolonne den Verkehr erst so gefährlich für alle anderen Kinder macht, die zu Fuß oder mit dem Rad kommen, wird komplett ausgeblendet.
Es ist ein Wettrüsten der Angst. „Ich will, dass mein Kind sicher ist.“ Absolut verständlich. Aber wenn die Lösung darin besteht, dass jeder sein eigenes privates Panzerfahrzeug nutzt, verlieren wir als Gesellschaft den öffentlichen Raum. Der SUV vor der Schule ist das ultimative Status-Symptom: Er signalisiert „Meine Sicherheit ist mir wichtiger als deine Sicherheit“.
Gibt es ein Gegenmittel?
Jetzt will ich nicht nur meckern. Es gibt ja durchaus Gründe für größere Autos – wer drei Kinder und einen Hund hat oder wirklich einen Pferdeanhänger zieht, der braucht Platz und Zugkraft. Geschenkt. Aber seien wir ehrlich: In 80% der Fälle sitzt eine einzelne Person darin und transportiert eine Laptoptasche und vielleicht einen Latte Macchiato.
Was würde passieren, wenn wir diesen Status-Wahn mal medizinisch behandeln?
Vielleicht wäre der erste Schritt zur Besserung ein realistischer Blick auf die Kosten-Nutzen-Rechnung. Und ich meine nicht nur den Spritverbrauch, der bei diesen Schrankwänden trotz Hybrid-Feigenblatt oft jenseits von gut und böse ist. Ich meine Reifenverschleiß (schon mal geschaut, was ein Satz 22-Zöller kostet?), Bremsenabrieb durch das massive Gewicht und den Wertverlust.
Ein Kombi. Wissen Sie noch, was das ist? Ein Passat Variant oder ein 5er Touring schluckt fast genauso viel Gepäck, fährt sich dynamischer, verbraucht weniger und – das ist der entscheidende Punkt – signalisiert nicht: „Platz da, hier komm ich.“ Ein Kombi ist Understatement. Ein SUV ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit.
Pragmatismus statt Protz
Unsere Kampagne Status-Symptome war natürlich Satire. Aber gute Satire tut deshalb weh, weil ein wahrer Kern drinsteckt. Die „Heilung“ von diesem Trend zum Stadtpanzer liegt nicht in Verboten, sondern in einer kulturellen Verschiebung.
Wir müssen aufhören, schiere Größe mit Luxus oder Sicherheit gleichzusetzen. Es ist eigentlich ziemlich uncool, wenn man fünf Minuten braucht, um eine Parklücke zu finden, in die man passt. Es ist unlässig, wenn man auf der Landstraße Angst um den rechten Außenspiegel haben muss.
Vielleicht wäre das neue Statussymbol ja Intelligenz bei der Fahrzeugwahl? Ein Auto, das exakt das tut, was es soll, ohne dabei wie ein militärisches Erstschlagsfahrzeug auszusehen. Wer wirklich souverän ist, braucht keinen Panzer, um Brötchen zu holen. Er nimmt vielleicht sogar das Fahrrad. Oder wenigstens ein Auto, bei dem man die Straße noch sieht, ohne auf einen Monitor schauen zu müssen.


