Akute Status-Symptome: Der Selbsttest für Autofahrer

Hand aufs Herz: Wenn Sie am Sonntagvormittag aus dem Fenster schauen und der Nachbar wäscht seinen neuen SUV – spüren Sie da Freude für den Mitmenschen? Oder zieht sich in Ihrer Magengrube etwas zusammen, das verdächtig nach Neid, Missgunst und einem leichten Anflug von Existenzangst schmeckt? Willkommen in meiner Sprechstunde.

Als ich vor Jahren anfing, mich mit der Psychopathologie des Autofahrens zu beschäftigen, dachte ich, es ginge um Mobilität. Pustekuchen. Es geht um Balzverhalten auf Asphalt. Wir behandeln hier auf der Station „Status-Symptome“ keine platten Reifen, sondern angekratzte Egos. Die akute Status-Neurose ist in Deutschland mittlerweile so verbreitet wie Rückenleiden, nur dass man darüber ungern beim Abendessen spricht. Man leidet still im Schalensitz.

Was ich Ihnen hier präsentiere, ist keine trockene Theorie aus dem Lehrbuch. Das sind Beobachtungen aus dem echten Leben – von der A8 zwischen Stuttgart und München, von den Leasing-Rückgabe-Schaltern, wo erwachsene Männer weinen, weil eine Felge einen Kratzer hat. Wir müssen diagnostizieren, wie tief Sie im Sumpf der automobilen Eitelkeit stecken. Und glauben Sie mir: Es ist oft schlimmer, als die Betroffenen zugeben wollen.

Das klinische Bild: Wenn der Hubraum den Herzschlag diktiert

Ein Patient, nennen wir ihn Michael (42, mittleres Management), kam neulich völlig aufgelöst zu mir. Er hatte Schweißausbrüche. Nicht wegen einer Infektion, sondern weil sein Kollege jetzt ein „E“ am Ende des Nummernschilds hat und 50 PS mehr Systemleistung. Michael fuhr einen Diesel, zwei Jahre alt. Für ihn fühlte sich das an, als würde er mit einer Pferdekutsche zur Arbeit reiten. Das ist das klassische Akute Komparative Defizit-Syndrom.

Die Symptome sind körperlich messbar. Wir sehen das im MRT der Eitelkeit ganz deutlich. Wenn der Status bedroht ist, reagiert der Körper wie bei einem Angriff durch ein Raubtier. Nur dass das Raubtier hier ein Skoda Octavia RS ist, der auf der linken Spur drängelt.

  • Fangen wir beim Nacken an. Der ist oft chronisch verspannt. Warum? Wegen des ständigen „Schulterblicks“ – nicht zur Sicherheit, sondern um zu scannen: Wer guckt? Wer bewundert meinen Lack? Wer hat das neuere Modell? Diese permanente Vigilanz macht mürbe.
  • Dann die Hände. Achten Sie mal drauf. Umklammern Sie das Lenkrad entspannt oder haben Sie die Fingerknöchel weiß hervorgetreten, als müssten Sie das teure Leder erwürgen, nur um die Kontrolle über Ihr Image zu behalten?
  • Ganz typisch ist auch die selektive Wahrnehmung. Patienten berichten mir, dass sie an einer roten Ampel stehen und den Fußgänger gar nicht sehen. Sie sehen nur die Spiegelung ihrer eigenen Felgen im Schaufenster der Bäckerei. Das ist Narzissmus im Endstadium, meine Damen und Herren.

Der große Selbsttest: Haben Sie sich noch unter Kontrolle?

Jetzt wird es ernst. Wir machen das hier ohne Narkose. Ich stelle Ihnen ein paar Fragen, die wir so auch in unserer fiktiven Ambulanz verwenden. Seien Sie ehrlich. Es schaut ja keiner zu (außer vielleicht die NSA, aber die fahren meistens schwarze Vans und haben ganz andere Probleme).

Gehen Sie die folgenden Szenarien durch und achten Sie auf Ihre spontane Reaktion. Nicht nachdenken, fühlen!

Szenario 1: Das Überholmanöver

Sie fahren entspannt (oder was Sie dafür halten) mit 160 km/h auf der Autobahn. Plötzlich taucht im Rückspiegel ein Kleinwagen auf. Ein Fiat 500. Oder schlimmer, ein Smart. Er setzt den Blinker links.

Wie reagiert Ihr Körper?

  • Ihr rechter Fuß zuckt reflexartig nach unten. Es ist physikalisch unmöglich, dass ein Kleinwagen schneller ist als „Deutsche Ingenieurskunst“. Sie geben Gas, um die natürliche Ordnung wiederherzustellen.
  • Sie lassen ihn vorbei, fühlen sich aber den Rest der Fahrt irgendwie „beschmutzt“ und reden sich ein, der andere habe es nur so eilig, weil er sicher dringend auf Toilette muss.
  • Oder – und das wäre das gesunde Verhalten, das ich hier fast nie sehe – es ist Ihnen völlig egal.

Wenn Sie bei Punkt 1 genickt haben: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ein fortgeschrittenes Status-Problem. Ihr Fahrzeug ist keine Transportlösung, es ist eine Prothese für Ihr Selbstwertgefühl.

Szenario 2: Der Parkplatz-Vergleich

Sie kommen morgens ins Büro. Ihr Stellplatz ist direkt neben dem vom neuen Abteilungsleiter, der zehn Jahre jünger ist als Sie.

Der Blickkontakt mit dessen Auto löst was aus?

  • Sie scannen sofort die Reifenbreite. „20 Zoll? Lächerlich. Geht voll auf den Komfort“, denken Sie, während Sie innerlich ausrechnen, was der Satz Reifen kostet.
  • Sie checken die Ausstattungsdetails. Hat er das Panoramadach? Hat er das Laserlicht? Wenn ja, ist Ihr Tag eigentlich schon vor dem ersten Kaffee gelaufen.
  • Sie ertappen sich dabei, wie Sie Ausreden für Ihr eigenes Auto formulieren, falls jemand fragt. „Ich wollte ja bewusst was Unauffälliges…“ – Ja, sicher. Und ich wollte eigentlich Balletttänzer werden.

Szenario 3: Die Konfigurator-Katastrophe

Sie sitzen abends auf dem Sofa und konfigurieren „nur zum Spaß“ das Nachfolgemodell Ihres aktuellen Wagens.

Was passiert, wenn der Preis das Budget übersteigt?

  • Sie streichen sinnvolle Dinge wie Sicherheitsassistenten, nur um die „S-Line“ Optik oder das Sportpaket behalten zu können. Denn: Sicherheit sieht man von außen nicht, die dicken Schweller schon. Das ist pathologisch! Sie riskieren buchstäblich Ihren Hals für die Optik.
  • Sie fangen an, an anderen Enden zu sparen. „Brauchen wir wirklich Urlaub dieses Jahr? Der Garten ist doch auch schön.“ Alles für die monatliche Rate. Das nennt man in der Fachsprache „Leasing-induzierte Armut bei scheinbarem Wohlstand“.

Die Diagnose: „Premium-Influenza“

Wenn Sie sich in mehr als einem dieser Punkte wiedergefunden haben, muss ich Ihnen leider mitteilen: Sie sind positiv. Sie leiden an akuter „Status-Symptomatik“. Die Ursache liegt tief in unserer Kultur vergraben. Uns wurde Jahrzehnte lang eingetrichtert, dass man ist, was man fährt. „Freude am Fahren“, „Das Beste oder nichts“ – das sind keine Slogans, das sind psychologische Befehle, die sich in unser Unterbewusstsein gefressen haben wie Rost in einen alten Radlauf.

Das Tragische daran ist die Endlosigkeit. Es gibt immer einen größeren Fisch. Oder in diesem Fall: Einen größeren SUV. Selbst wenn Sie sich den Porsche Cayenne kaufen, parkt morgen einer mit dem Urus neben Ihnen, und schon schrumpft Ihr Ego wieder auf Erbsengröße zusammen. Es ist ein Spiel, das Sie nicht gewinnen können.

Therapeutische Ansätze (oder: Die bittere Pille)

Wir wenden hier in der Klinik oft die Schocktherapie an. Ich setze Patienten in einen 15 Jahre alten japanischen Kompaktwagen. Grau. Mit Stoffsitzen. Und dann müssen sie damit fahren. Öffentlich.

Die ersten Reaktionen sind heftig. Scham, Angstschweiß, das Gefühl, unsichtbar zu werden. „Niemand guckt mich an!“, schrie neulich ein Patient panisch. Und genau da liegt der therapeutische Durchbruch: Die Erkenntnis, dass es eigentlich herrlich entspannt ist, wenn man niemanden beeindrucken muss.

Ein Auto, das einfach nur fährt. Das beim Parken keine Schweißausbrüche verursacht, weil die Felge den Bordstein berühren könnte. Ein Kratzer? „Nennt man Patina“, sage ich dann immer.

Mein ärztlicher Rat für den Alltag

Versuchen Sie mal Folgendes, wenn die Symptome wieder hochkochen:

  • Wenn Sie das nächste Mal von einem teureren Auto überholt werden, sagen Sie laut zu sich selbst: „Der hat sicher hohe Raten.“ Das hilft, ist zwar gehässig, aber wirksames Coping.
  • Gucken Sie sich Ihr Auto mal ganz objektiv an. Es ist Blech, Plastik, ein bisschen Glas und Gummi. Es liebt Sie nicht zurück. Es ist ihm völlig egal, wer es fährt. Diese emotionale Beziehung, die Sie da aufgebaut haben, ist einseitig.
  • Rechnen Sie mal aus, wie viele Stunden Lebenszeit Sie im Büro absitzen müssen, nur um die Extra-Ausstattung „Nachtsichtgerät“ zu bezahlen, die Sie in der beleuchteten Innenstadt noch nie benutzt haben. Tut weh, oder? Gut so.

Wir lachen hier bei Status-Symptome gerne über diese Dinge, aber im Kern steckt eine Wahrheit: Die Freiheit beginnt dort, wo der Statuszwang aufhört. Es ist völlig in Ordnung, ein schönes Auto zu mögen. Aber wenn das Auto anfängt, Sie zu besitzen, statt umgekehrt, dann sollten Sie dringend nochmal zur Nachuntersuchung kommen.

Fahren Sie vorsichtig. Und vor allem: Fahren Sie gelassen. Ihr Blutdruck wird es Ihnen danken – und Ihr Geldbeutel erst recht.