Erinnern Sie sich noch an unsere Diagnose? Damals, als wir auf Status-Symptome die Obsession mit poliertem Chrom und absurden Pferdestärken als behandlungsbedürftiges Leiden einstuften? Wir haben Witze darüber gemacht, dass Leute Schweißausbrüche bekommen, wenn der Nachbar einen neuen Audi in der Einfahrt parkt. Nun, schauen wir uns heute um, könnte man meinen, eine ganze Generation sei plötzlich immun gegen dieses Virus.
Ich spreche von der Generation Z. Die Jahrgänge zwischen 1997 und 2012. Wenn ich mir als Jugendforscher die Daten ansehe – und noch wichtiger, wenn ich mit diesen jungen Erwachsenen rede –, dann wird klar: Das Auto als ultimativer Beweis für „Ich habe es geschafft“ stirbt einen leisen, aber endgültigen Tod. Das Statussymbol hat sich nicht verschoben; es hat sich komplett aufgelöst und neu zusammengesetzt.
Der Generationen-Clash: Hubraum gegen Hashtags
Lassen Sie uns ehrlich sein. Für die Boomer und auch noch weite Teile der Gen X war der Weg zum Erwachsenwerden asphaltiert. Der Führerschein mit 18 war kein Verwaltungsakt, sondern ein ritueller Übergang in die Freiheit. Das erste eigene Auto? Heiliger Gral. Man hat Samstagnachmittage damit verbracht, Felgen zu schrubben.
Heute sieht das Szenario völlig anders aus. Ich saß neulich in einer Fokusgruppe mit Zwanzigjährigen in München. Das Thema war „Zukünftige Mobilität“. Als ich das Bild eines neuen, sündhaft teuren Sportwagens zeigte, ging kein Raunen durch den Raum. Eher so ein mitleidiges Lächeln. Einer sagte trocken: „Sieht aus wie Stress.“
Und er hat recht. Für die Gen Z ist das Auto oft kein Freiheitssymbol mehr, sondern eine Belastung.
Warum der Lack ab ist
Es ist nicht so, dass diese Generation das Fahren hasst. Sie hassen den Ballast, der damit einhergeht. Die Gründe sind dabei viel pragmatischer, als Marketingabteilungen der großen Autobauer wahrhaben wollen:
- Fangen wir beim Geld an. Ein Führerschein kostet heute gut und gerne 2.500 bis 3.500 Euro. Das ist ein Sommerurlaub in Asien oder das neueste MacBook Pro mit Vollausstattung. Die Prioritäten setzen sich hier fast von selbst.
- Dann dieser ewige Platzkampf in den Städten. Wer will schon 40 Minuten seiner Lebenszeit verschwenden, um abends einen Parkplatz zu suchen, der dann auch noch Geld kostet? Das ist keine Freiheit, das ist Ineffizienz. Und wenn Gen Z eines hasst, dann ineffiziente Prozesse.
- Es gibt auch die ökologische Komponente, klar. Man macht sich in der Peer-Group heute einfach keine Freunde mehr, wenn man einen 15-Liter-Verbraucher alleine durch die Innenstadt schiebt. Das gilt als uncool, fast schon als asozial. Der soziale Druck wirkt hier, aber in die entgegengesetzte Richtung als noch vor zwanzig Jahren.
- Die digitale Anbindung ist oft eine Katastrophe. Wenn das Infotainment-System im Auto schlechter funktioniert als das Smartphone in der Hosentasche, ist das Produkt für diese Generation defekt. Ein Auto muss heute ein rollendes Smartphone sein, kein mechanisches Wunderwerk.
Der pragmatische Patient: Nutzung statt Besitz
Unsere alte Kampagne wollte eine „pragmatische Haltung zum Fahren“ fördern. Die Ironie ist: Die jungen Leute sind heute pragmatischer, als wir es uns je hätten ausmalen können. Der Besitz ist tot, es lebe der Zugriff.
Die Sharing Economy hat das Gehirn dieser Generation neu verdrahtet. Warum soll ich 40.000 Euro Kapital binden, das 23 Stunden am Tag als totes Blech am Straßenrand steht und an Wert verliert? Das macht ökonomisch keinen Sinn. Apps wie Uber, Bolt, Miles oder Share Now sind für die Gen Z das, was für meinen Vater der Zweitschlüssel zum Mercedes war.
Ich habe das neulich selbst beobachtet. Eine Gruppe Studenten, die zum See fahren wollten. Niemand haderte damit, kein eigenes Auto zu haben. Einer zückte das Handy, buchte einen Miles-Transporter (weil die Boards mit mussten), und los ging’s. Danach: Auto abstellen, App schließen, Verantwortung abgeben. Keine Gedanken an TÜV, keine Sorgen wegen Kratzern, keine Versicherungspolicen im Briefkasten.
Diese „Access over Ownership“-Mentalität ist der wahre Killer des Statussymbols Auto. Ein Gegenstand, den ich mir für 19 Cent die Minute mieten kann, taugt nicht mehr zur Abgrenzung nach oben. Wenn jeder Porsche fahren kann (zumindest für eine halbe Stunde via Carsharing), dann ist der Porsche als Distinktionsmerkmal wertlos geworden.
Wenn nicht das Auto, was dann? Die neuen Währungen
Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen. Wir wollen uns vergleichen, wir wollen zeigen, wer wir sind. Wenn der Wagen wegfällt, entsteht ein Vakuum. Womit füllt die Gen Z diesen Platz? Die „Symptome“ haben sich verlagert.
Erlebnisse und „Instagrammability“
Der Fokus liegt extrem auf dem Erlebten. Ein Wochenende in Kopenhagen, das Festival in Kroatien, der Matcha Latte im angesagtesten Café des Viertels. Das sind die Dinge, die auf TikTok und Instagram geteilt werden. Ein Foto vom Lenkrad? Das wirkt heute eher wie „Boomer-Cringe“. Der Status liegt darin, mobil zu sein, überall arbeiten zu können, die Welt zu sehen – nicht darin, wie man physisch von A nach B kommt.
Technologie als Verlängerung des Selbst
Das Smartphone ist wichtiger als das Auto. Punkt. Es ist die Zentrale des Lebens. Wenn Sie einem 19-Jährigen die Wahl lassen zwischen einem mittelmäßigen Gebrauchtwagen und dem neuesten iPhone plus AirPods Max und einem High-End Gaming-Setup, gewinnt die Technik fast immer. Das sind die Werkzeuge, mit denen sie ihren Alltag bestreiten und ihre soziale Stellung markieren.
Nachhaltigkeit und „Thrifting“
Es klingt paradox, aber „nicht neu kaufen“ ist ein Statussymbol geworden. Auf Plattformen wie Vinted nach Vintage-Designerstücken zu jagen und ein Outfit zu tragen, das Geschichte hat, gilt als intellektuell überlegen gegenüber dem stupiden Konsum von Fast Fashion. Oder Fast Cars. Wer mit dem Nachtzug nach Italien fährt, statt zu fliegen, signalisiert: Ich habe Zeit, ich habe Geld, und ich habe ein Gewissen. Das ist der neue Luxus.
Gibt es Ausnahmen? Der „Dorf-Faktor“
Ich muss hier kurz bremsen, bevor wir die Realität zu sehr verzerren. Wir reden hier sehr stark über urbane Phänomene. Wenn ich raus aufs Land fahre, in die Eifel oder nach Niederbayern, sieht die Welt noch etwas anders aus.
Dort macht die Gen Z den Führerschein immer noch pünktlich zum 18. Geburtstag (oder 17., begleitetes Fahren). Aber selbst hier hat sich die Haltung gedreht. Das Auto ist dort schlichtweg überlebenswichtig, um zur Ausbildung oder zur Party im Nachbardorf zu kommen. Es ist ein Werkzeug. Ein „Tool“.
Klar, es gibt dort noch die Tuner-Szene. Die Jungs und Mädels, die ihr ganzes Lehrlingsgehalt in den Golf GTI stecken. Aber es wird zur Nische. Selbst auf dem Land höre ich öfter: „Hauptsache, die Kiste fährt und Bluetooth funktioniert.“ Der emotionale Kult, dieses fast schon religiöse Anbeten der Marke, bröckelt auch dort, wo der Bus nur zweimal am Tag fährt.
Die Diagnose für die Zukunft
Was bedeutet das nun für unsere satirische „Status-Symptome“-Klinik? Sind wir arbeitslos? Vielleicht. Oder wir müssen die Diagnosekriterien anpassen.
Die Autoindustrie versucht ja verzweifelt, den Anschluss zu finden. Abo-Modelle statt Kaufverträge. Autos, die eher rollende Computer sind. Werbung, die nicht mehr von PS spricht, sondern von „Connectivity“ und „Urban Flow“. Sie haben gemerkt, dass sie der Gen Z kein Blech mehr verkaufen können, sondern nur noch Mobilitätslösungen.
Aber es bleibt schwierig. Ein Beispiel: Wer heute mit einem riesigen SUV vor der Uni vorfährt, erntet keine bewundernden Blicke. Er erntet „Side-Eye“. Man fragt sich: Kompensiert der was? Hat der den Schuss nicht gehört?
Dies ist vielleicht der gesündeste Aspekt dieser Entwicklung. Der gesellschaftliche Druck, sich über ein Fahrzeug zu definieren, verschwindet. Wir haben jahrelang versucht, das satirisch zu behandeln, um Menschen zum Nachdenken zu bringen. Die Gen Z brauchte unsere Satire gar nicht. Sie haben sich das System angesehen – Stau, Kosten, Klima, Stress – und haben kollektiv entschieden: „Nein danke, ich nehme lieber die Bahn und kaufe mir vom gesparten Geld Krypto oder Sneaker.“
Ein pragmatisches Fazit
Vielleicht ist das Ende des Autos als Statussymbol gar keine schlechte Nachricht. Es macht den Kopf frei. Es macht die Städte irgendwann vielleicht leiser und leerer.
Wenn ich heute einen jungen Menschen sehe, wie er lässig mit dem E-Scooter zur U-Bahn rollt, Kopfhörer auf, völlig entspannt, dann denke ich: Der hat weniger Symptome als mein Nachbar, der jeden Samstagvormittag mit der Zahnbürste seine Felgen poliert. Die „Status-Symptome“ sind heilbar. Man muss nur alt genug werden – oder eben jung genug geboren sein.