Alles nur auf Pump: Die Leasingfalle und der schöne Schein

Schauen Sie mal kurz aus dem Fenster. Ja, genau jetzt. Sehen Sie den schwarzen SUV beim Nachbarn? Den mit den 22-Zoll-Felgen, die glänzen, als wären sie in Einhorn-Tränen poliert worden? Ihr erster Gedanke: „Mensch, der Jürgen, der hat’s geschafft.“ Ihr zweiter Gedanke, das kleine Ziehen in der Magengrube: „Warum fahre ich eigentlich noch meinen sieben Jahre alten Golf?“

Setzen Sie sich wieder. Atmen Sie durch. Ich bin hier, um Ihnen eine bittere Pille zu verabreichen, die besser wirkt als jedes Antidepressivum: Jürgen gehört das Auto gar nicht. Jürgen gehört maximal der Duftbaum am Rückspiegel.

Willkommen in meiner Praxis für finanzielle Realitätstherapie. Wir reden heute über das wohl weitverbreiteste Leiden unserer Zeit: Die akute Leasing-itis. Das Phänomen, bei dem das Blechkleid nach Millionär aussieht, aber der Kontostand nach Sozialhilfe schreit. Als fiktiver (aber schmerzhaft realistischer) Schuldnerberater der Kampagne Status-Symptome nehme ich Sie mal mit in den Abgrund der monatlichen Raten.

Der Fahrzeugbrief liegt nicht bei Ihnen im Safe

Es ist ein faszinierendes Schauspiel. Da draußen auf den Straßen der Republik rollen Karossen im Gesamtwert eines kleinen Inselstaates, aber die Fahrer besitzen davon oft weniger als die Fußmatten. Ich hatte neulich so einen Fall auf dem Tisch – nennen wir ihn „Patient X“.

Patient X kam mit einem akuten Schub von Geltungssucht zu mir. Er hatte sich einen Audi RS6 „gegönnt“. Ein Kombi, der schneller auf 100 beschleunigt, als X sein Gehalt ausgeben kann. Seine Argumentation war wasserdicht, dachte er: „Aber Herr Berater, die Leasingrate liegt doch nur bei 899 Euro! Das passt ins Budget.“

Hier liegt der erste große Denkfehler. Das Auto ist ein riesiges Placebo. Es suggeriert Eigentum, Freiheit, Kraft. Aber technisch gesehen sind Sie nichts weiter als ein glorifizierter Mieter auf vier Rädern. Der Fahrzeugbrief liegt warm und trocken im Tresor der Leasinggesellschaft. Sie dürfen das Auto waschen, tanken und polieren – aber wehe, Sie verpassen eine Rate. Dann verwandelt sich die „Freude am Fahren“ ganz schnell in „Angst vor dem Briefkasten“.

Das eigentliche Problem ist aber nicht das Papier, sondern die Psychologie. Wer glaubt, er sei wer, weil er was fährt, hat die Kontrolle über sein Leben oft schon an der Pforte zum Autohaus abgegeben. Man kauft sich Anerkennung von Leuten, die man nicht mag, mit Geld, das man nicht hat.

Die Mathematik der Selbstverleugnung

Lassen Sie uns mal Tacheles reden. Weg von den Emotionen, hin zu den kalten, harten Zahlen, die so gerne ignoriert werden. Die meisten Kalkulationen, die ich sehe, sind schöngerechnet bis zur Unkenntlichkeit. Da wird mit dem Brutto-Einkommen kalkuliert, als gäbe es keine Steuern, und die Lebenshaltungskosten werden auf das Niveau eines asketischen Mönchs gedrückt.

So sieht die Realität bei vielen „Status-Patienten“ aus:

  • Da fließt fast die Hälfte des Nettoeinkommens direkt in die Mobilität. Nicht nur die Leasingrate, sondern auch die Vollkasko (die bei 400 PS kein Schnäppchen ist), die KFZ-Steuer und der Sprit. Premium-Benzin, versteht sich.
  • Rücklagen für Reparaturen? Fehlanzeige. Wenn beim BMW M4 die Bremsen fällig sind, reden wir nicht über 200 Euro bei A.T.U., sondern über einen Betrag, für den andere Familien in den Urlaub fliegen. Ich habe erwachsene Männer weinen sehen, weil ein Satz neuer Sommerreifen das Dispo-Limit gesprengt hat.
  • Die berüchtigte „Sonderzahlung“ zu Beginn wird oft über einen Kleinkredit finanziert. Das ist der Moment, wo das Kartenhaus anfängt zu wackeln. Man leiht sich Geld, um sich ein Auto zu leihen. Finanzielle Inzucht nenne ich das.
  • Urlaub fällt aus. Essen gehen wird gestrichen. Die Wohnungseinrichtung ist von IKEA (und zwar die Budget-Linie), aber vor der Tür steht der Stern aus Stuttgart. Prioritäten, richtig?

Es ist grotesk. Man sitzt in einem klimatisierten Ledersessel mit Massagefunktion, aber zuhause gibt’s Nudeln mit Ketchup, weil für eine ordentliche Bolognese das Budget fehlt. Das ist kein Lebensstil, das ist eine Zwangsjacke aus Stahl und Aluminium.

Die Falle mit der Schlussrate

Jetzt wird es richtig hässlich. Viele Finanzierungen sind so gestrickt, dass die monatlichen Belastungen künstlich niedrig gehalten werden. Das Zauberwort heißt Ballonfinanzierung. Klingt leicht und luftig, oder? Ist es aber nicht. Der Ballon ist eher aus Blei.

Nach drei oder vier Jahren Laufzeit kommt der Tag der Abrechnung. Die Bank sagt: „So, Herr Müller, wir hätten dann gerne noch die restlichen 25.000 Euro.“

Herr Müller hat aber keine 25.000 Euro. Herr Müller hat die letzten Jahre damit verbracht, den Mindestbetrag auf seiner Kreditkarte abzustottern. Was passiert also? Anschlussfinanzierung. Der Zinseszinseffekt reibt sich die Hände. Herr Müller zahlt für sein Traumauto am Ende fast das Doppelte des Listenpreises, fährt es aber so lange, bis es auseinanderfällt, weil er aus der Nummer nicht mehr rauskommt. Er ist Sklave seines eigenen Statussymptoms geworden.

Der Tag der Rückgabe: Wenn der Gutachter kommt

Für die Leasing-Piloten unter Ihnen habe ich noch ein spezielles Horrorszenario. Das Ende der Laufzeit. Sie denken, Sie geben den Schlüssel ab, schütteln Hände und steigen in den nächsten Neuwagen? Träumen Sie weiter.

Der Gutachter der Leasinggesellschaft hat Augen wie ein Adler und das Herz eines Steuerprüfers. Er findet Kratzer, die Sie nur mit dem Mikroskop sehen könnten. Jede kleine Delle, jeder Steinschlag in der Windschutzscheibe wird protokolliert.

Ich erinnere mich an einen Fall, da wurde eine „übermäßige Abnutzung“ des Innenraums in Rechnung gestellt, weil der Fahrer Jeans getragen hat. Ernsthaft. Das blaue Denim hatte angeblich das beige Leder verfärbt. Kostenpunkt: Ein kompletter Sitzbezug. 1.200 Euro.

Und dann sind da noch die Mehrkilometer. Die Falle schnappt zu, wenn Sie bei Vertragsabschluss optimistisch „10.000 km pro Jahr“ angegeben haben, um die Rate zu drücken, aber real eher 20.000 km fahren. Am Ende der Laufzeit stehen da 30.000 bis 40.000 Mehrkilometer auf dem Tacho. Bei 10 bis 15 Cent pro Kilometer summiert sich das zu einem Betrag, für den man sich einen guten Gebrauchtwagen hätte kaufen können.

Plötzlich „schulden“ Sie dem Autohaus bei der Rückgabe noch 4.000 Euro Nachzahlung für Schäden und Kilometer. Geld für ein Auto, das Sie nicht mehr haben. Das ist der Moment, in dem die Status-Fassade Risse bekommt, die man nicht mehr wegpolieren kann.

Symptome erkennen: Gehören Sie zur Risikogruppe?

Im Rahmen unserer Kampagne haben wir eine Art diagnostischen Blick entwickelt. Es gibt klare Anzeichen dafür, dass jemand nicht das Auto besitzt, sondern das Auto den Besitzer besitzt. Achten Sie mal auf folgende Warnsignale in Ihrem Umfeld – oder, Hand aufs Herz, bei sich selbst:

  • Wenn jemand beim Parken Schweißausbrüche bekommt, nicht weil die Lücke zu klein ist, sondern weil die Felge zu teuer war. Wer Angst vor dem Bordstein hat als wäre es eine geladene Waffe, kann sich die Felgenreparatur meist nicht leisten.
  • Sobald das Thema auf Spritpreise kommt, wird das Gespräch hektisch gewechselt oder über „Fahrspaß“ philosophiert, als wäre das eine Währung, mit der man an der Kasse zahlen kann.
  • Der Wagen wird peinlich genau sauber gehalten, aber die Wartungsintervalle werden „kreativ“ ausgelegt. „Ach, das Öl geht noch 5.000 Kilometer“ ist Code für „Ich bin pleite“.
  • Die Winterreifen lagern auf dem Balkon im dritten Stock, weil die 80 Euro Einlagerungsgebühr beim Händler einfach nicht mehr drin sind.

Die Heilung: Pragmatismus statt Protz

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen schöne Autos. Autos sind toll. Technik ist faszinierend. Aber im Rahmen von Status-Symptome plädiere ich für eine radikale Entkoppelung von Selbstwert und Hubraum.

Die einzige wahre Status-Verbesserung ist ein ruhiger Schlaf. Und wissen Sie, wer am besten schläft? Derjenige, der in seinen 10 Jahre alten Japaner steigt, den Zündschlüssel dreht und weiß: „Dieses Ding gehört mir. Keine Bank, keine Rate, kein Gutachter.“

Wenn da ein Kratzer reinkommt, ist das keine finanzielle Katastrophe, sondern Patina. Das ist Freiheit. Echte, unverdünnte Freiheit. Wenn Sie also das nächste Mal Ihren Nachbarn Jürgen sehen, seien Sie nicht neidisch. Haben Sie Mitleid. Er fährt vielleicht einen SUV, aber er steuert direkt auf die Wand zu.

Es ist Zeit, den gesellschaftlichen Druck abzulassen – quasi wie Luft aus einem überfüllten Reifen. Fahren Sie das, was Sie sich leisten können, nicht das, was Sie sich leisten wollen. Ihr Bankkonto wird es Ihnen danken, und ehrlich gesagt: Niemanden interessiert es wirklich, was Sie fahren. Die Leute sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich Sorgen darüber zu machen, was andere über ihr Auto denken.

Bleiben Sie solvent.