Das Horrorauto: Wenn der Traumwagen zum Albtraum wird

Es beginnt immer gleich. Ein Geruch nach feinem Leder, dieser fast schon arrogante „Plopp“, wenn die schwere Tür ins Schloss fällt, und das Gefühl, es endlich geschafft zu haben. Man ist angekommen. Zumindest glaubt man das für etwa drei Wochen.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich den Kaufvertrag unterschrieben habe. Ein schwarzes Monster von einem Auto, vollgestopft mit Sensoren, Kameras und genug Rechenleistung, um eine kleine Mondlandung zu simulieren. Mein Nachbar – nennen wir ihn Bernd, denn solche Nachbarn heißen immer Bernd – stand am Gartenzaun und konnte seinen Neid kaum hinter dem wuchernden Rhododendron verstecken. Ich fühlte mich gut. Ich fühlte mich mächtig. Das war kein Fortbewegungsmittel, das war Therapiestahl.

Dass ich damals schon Patient war, ohne es zu wissen, gehört zur Ironie der ganzen Geschichte. Willkommen in meiner persönlichen Hölle auf vier Rädern. Willkommen beim Status-Symptom im Endstadium.

Phase 1: Die trügerische Ruhe vor dem Piepen

Die ersten tausend Kilometer waren ein Traum. Ehrlich. Man gleitet über den Asphalt, abgeschottet von der Realität da draußen. Der Pöbel in den Kleinwagen wirkt seltsam weit weg, fast wie in einem Stummfilm. Man erwischt sich dabei, wie man mitleidig auf Fahrer herabschaut, die noch selbst in den Rückspiegel gucken müssen, statt sich auf den Totwinkel-Assistenten zu verlassen.

Aber Autos sind heute keine Mechanik mehr. Es sind rollende Computer, die zufällig auch fahren können, wenn das letzte Software-Update nicht gerade querliegt. Und genau da fängt das Horror-Szenario an.

Ich stand an einer Ampel. Es regnete leicht. Plötzlich dieser Ton. Nicht laut, aber durchdringend. Ein Bing, das sich direkt ins Rückenmark bohrt. Im Display erschien eine gelbe Warnleuchte, die aussah wie ein kleiner, trauriger Motorblock.

„Antrieb gestört. Weiterfahrt möglich. Volle Motorleistung nicht verfügbar.“

Tja. „Weiterfahrt möglich“ ist in der Sprache der Automobilindustrie ein Euphemismus für „Du kommst noch bis zur Werkstatt, aber es wird dich deinen nächsten Sommerurlaub kosten“. Ich schlich mit gefühlten 30 PS nach Hause, überholt von einem pizzaboten auf einem Roller, der mich hämisch angrinste. Bernd stand natürlich wieder am Zaun.

Der Werkstatt-Blues: Kaffee, Kacheln und Kosten

Wenn man einen Luxuswagen fährt, glaubt man ja, der Service sei besser. Man stellt sich vor, wie man mit Handschlag begrüßt wird, vielleicht ein Glas Prosecco gereicht bekommt, während Chefmechaniker mit weißen Handschuhen den Motor streicheln.

Die Realität sieht anders aus. Man sitzt auf designierten, aber ergonomisch fragwürdigen Stühlen in einem verglasten Wartebereich, trinkt Automatenkaffee, der schmeckt wie Batteriesäure, und starrt auf eine Rechnung, die physische Schmerzen verursacht.

„Es war nur ein kleiner Sensor“, sagte der Serviceberater mit einer Miene, als würde er mir gerade eine unheilbare Krankheit diagnostizieren. „Ein Pfennigartikel eigentlich. Aber um dranzukommen, mussten wir den Motor absenken und die Vorderachse ausbauen.“

Kostenpunkt: 1.800 Euro. Für ein Teil, das wahrscheinlich in der Produktion weniger kostet als mein Frühstücksbrötchen.

Hier fängt man an, über den Begriff „Statussymbol“ nachzudenken. Was genau symbolisiert dieses Auto eigentlich? Meiner Erfahrung nach symbolisiert es vor allem die Bereitschaft, sich finanziell ausweiden zu lassen, nur um nach außen hin solvent zu wirken. Es ist das Stockholm-Syndrom auf 20-Zoll-Felgen.

Wenn die Elektronik ein Eigenleben entwickelt

Das Horrorauto zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es einfach kaputt geht. Das wäre zu einfach. Zu ehrlich. Nein, das Horrorauto spielt Psychospielchen mit dir. Es ist wie ein Geist in der Maschine.

Bei meinem Exemplar fing es harmlos an:

  • Morgens beim Kaltstart fuhr der Fahrersitz plötzlich in die Liegeposition. Komplett. Während ich noch den Kaffee in der Hand hielt.
  • Das Keyless-Go-System entwickelte eine Art Bindungsangst. Mal ließ es mich rein, mal stand ich im strömenden Regen und hämmerte gegen die Scheibe, während der Schlüssel in meiner Tasche lag und das Auto ihn einfach ignorierte.
  • Die Heckklappe öffnete sich spontan. Nicht während der Fahrt, zum Glück, aber gerne mal nachts um drei in der Garage. Wenn man morgens kommt, ist die Batterie leer und die Katze hat es sich im Kofferraum gemütlich gemacht.
  • Einmal zeigte das Navi mitten auf der Autobahn an, ich befände mich in der Nordsee. „Bitte wenden“, sagte die freundliche Stimme, während ich mit 160 km/h an Hannover vorbeifuhr.

Man fängt an, mit dem Auto zu reden. Nicht nett. Man bittet, man droht, man fleht. „Bitte, nur heute. Ich hab einen wichtigen Termin. Mach einfach keine Zicken.“ Das ist der Moment, wo der Pragmatismus stirbt und der Aberglaube beginnt.

Der soziale Abstieg durch Aufstieg

Wir bei Status-Symptome reden ja oft darüber, wie krankhaft der Drang nach Anerkennung ist. Aber nichts kuriert diese Krankheit schneller als ein unzuverlässiges Premiumfahrzeug. Der soziale Status bröckelt nämlich gewaltig, wenn man regelmäßig am Straßenrand der Bundesstraße steht und auf den Abschleppdienst wartet.

Es gibt da diese spezielle Art von Scham. Du stehst da, Warnblinker an, Warndreieck aufgestellt (hoffentlich nicht das billige, das sofort umkippt, wenn ein LKW vorbeifährt), und die Leute glotzen. In ihren Blicken liegt keine Bewunderung mehr. Da ist nur noch Schadenfreude.

„Guck mal, der feine Herr mit seinem Dingsbums-Turbo-S-Line“, denken die sich. „Fährt ne Karre für 80.000 Euro, aber kommt nicht vom Fleck.“

Einmal musste ich zu einem Kundentermin. Anzug, Krawatte, das volle Programm. Ich wollte Eindruck schinden. Fünf Kilometer vor dem Ziel: „Kühlmittelstand zu niedrig“. Rote Warnleuchte. Motor aus. Ich stand da, die Haube offen, Dampf stieg auf, und mein teurer Anzug roch nach Glysantin. Der Kunde musste mich abholen. In einem zehn Jahre alten japanischen Kombi. Er lief wie ein Uhrwerk. Der Wagen, meine ich. Aber eigentlich auch der Kunde, der vor Lachen fast ins Lenkrad biss.

Die Diagnose: Materialismus-Intoleranz

Vielleicht ist das Horrorauto gar kein technisches Versagen. Vielleicht ist es eine karmische Reaktion des Universums. Je mehr man versucht, über Dinge zu definieren, wer man ist, desto mehr zeigen einem diese Dinge den Mittelfinger.

Ich habe in den letzten zwei Jahren mehr Zeit in Leihwagen verbracht als in meinem eigenen „Traumauto“. Und wisst ihr was? Diese kleinen, unaufgeregten Kisten, die nach Plastik und Desinfektionsmittel riechen, haben etwas Wunderbares an sich: Sie funktionieren. Du drehst den Schlüssel (oder drückst den Knopf), und sie fahren los. Kein Drama. Keine Lightshow im Cockpit. Keine Angst.

Die Psychologie des „Vielleicht heute nicht“

Es entsteht eine Art posttraumatische Belastungsstörung beim Einsteigen. Man setzt sich rein, der Puls geht leicht hoch. Der Finger schwebt über dem Startknopf. Man hält kurz die Luft an. Startet er? Oder kommt das „Bing“?

Es gibt Tage, da läuft er seidenweich. Das Fahrwerk bügelt jedes Schlagloch weg, der Motor summt wie eine satte Wildkatze. In diesen Momenten vergisst man alles. Man denkt: „Ach, so schlimm ist es doch gar nicht. Er hat halt Charakter.“ Das ist die Phase der Verleugnung. Wie in einer toxischen Beziehung redet man sich ein, dass die guten Momente die schlechten aufwiegen. Aber tief drinnen weiß man: Der nächste Wutanfall kommt bestimmt.

Was bleibt vom Glanz?

Wenn man die Reparaturrechnungen zusammenzählt, hätte ich davon locker einen soliden Mittelklassewagen bar bezahlen können. Einen, der nicht muckt. Aber der hat halt nicht dieses Image, oder? Der sorgt nicht dafür, dass Bernd am Gartenzaun blass wird.

Wobei Bernd mittlerweile nicht mehr neidisch ist. Letztens kam er rüber, als ich gerade versuchte, dem Wagen Starthilfe zu geben – eine Demütigung sondergleichen bei einem Fahrzeug dieser Preisklasse.

„Schönes Auto“, sagte er und tätschelte den Kotflügel. „Wenn es denn fährt.“

Dieser Satz hat mehr wehgetan als jede Werkstattrechnung. Er hat die Illusion zerstört. Das Statussymbol war zur Lachnummer geworden. Und ich zum Clown, der dafür Eintritt bezahlt.

Fazit eines Geheilten

Ich habe den Wagen verkauft. Mit massivem Wertverlust, natürlich. Der Händler schaute sich die Historie der Reparaturen an, zog die Augenbrauen hoch und nannte mir einen Preis, bei dem mir kurz schwindelig wurde. Aber ich habe unterschrieben. Sofort. Ohne zu zögern.

Jetzt fahre ich etwas Älteres. Nichts, wonach sich jemand umdreht. Es hat Kratzer. Die Sitze sind aus Stoff. Es gibt kein Head-Up-Display, das mir meine Geschwindigkeit in die Windschutzscheibe projiziert. Aber wenn ich den Schlüssel drehe, springt der Motor an. Jedes. Verdammte. Mal.

Und das ist der wahre Luxus, Freunde. Die Abwesenheit von Sorgen. Die Gewissheit, anzukommen. Status ist nicht das Emblem auf der Haube. Status ist, wenn man seine Lebenszeit nicht im Wartezimmer einer Vertragswerkstatt verplempert und dabei abgestandenen Kaffee trinkt.

Wer das Gefühl noch braucht, wer glaubt, er sei erst wer mit 300 PS unterm Hintern – bitte, tut euch keinen Zwang an. Die Wartezimmer sind groß, und es gibt genug Zeitschriften von 2018 zu lesen. Ich bin dann mal weg. Fahren.