Es ist Freitagabend auf dem Parkplatz eines gut sortierten Bio-Supermarkts in München-Schwabing oder vielleicht im Hamburger Grindelviertel. Man beobachtet ein faszinierendes Schauspiel: Menschen, die Thomas Mann im Original lesen, ihren Kindern hölzernes Spielzeug ohne Weichmacher kaufen und politisch absolut korrekt wählen, steigen nach dem Einkauf in zweieinhalb Tonnen Stahl.
Nicht in irgendeinen Stahl. Es ist meist bayerischer oder schwäbischer Stahl, dunkel lackiert, aggressiver Kühlergrill. Hier kollidiert das ökologische Gewissen frontal mit der soziologischen Realität. Willkommen in der Welt der Akademiker-Ängste.
Als wir die Kampagne Status-Symptome starteten, dachten wir, wir übertreiben. Wir dachten, die fiktive Krankheit – der zwanghafte Drang, den eigenen gesellschaftlichen Wert über Hubraum und Spaltmaße zu definieren – sei reine Satire. Aber je tiefer wir in die Materie eingetaucht sind, desto klarer wurde: Wir haben da in ein Wespennest gestochen. Besonders bei den „Gebildeten“.
Das Diplom klebt nicht am Heck
Das Kernproblem des deutschen Akademikers ist die Unsichtbarkeit seiner Leistung. Man kann den Doktortitel zwar auf die Visitenkarte drucken, aber auf der linken Spur der A9 bei Tempo 180 sieht niemand, dass man über poststrukturalistische Philosophie promoviert hat. Ein VW Golf ist demokratisch, praktisch und vernünftig. Aber er schreit nicht „Erfolg“.
In meiner Zeit in Werbeagenturen habe ich Dutzende Kreativdirektoren und Strategen erlebt. Leute, die ironische Hornbrillen tragen und über den Verfall der Konsumkultur referieren. Aber wehe, der Dienstwagen ist „nur“ ein Passat. Da bricht das Ego schneller zusammen als ein Kartenhaus im Windkanal.
Warum ist das so? Pierre Bourdieu nannte es den „feinen Unterschied“. In einer Gesellschaft, in der jeder Zugang zu Wissen hat, reicht Bildung allein nicht mehr als Abgrenzungsmerkmal. Früher war der Lateinlehrer eine Autorität per Amt. Heute muss er sich gegen Eltern durchsetzen, die alles googeln. Das Auto wird zur rüstungsähnlichen Schutzschicht.
Man traut sich schlichtweg nicht, im Kleinwagen beim Mandanten vorzufahren. Die Angst ist real: Wenn der Architekt im 10 Jahre alten Fiat Panda auf die Baustelle rollt, denkt der Bauherr vielleicht: „Der plant bestimmt so billig, wie er fährt.“ Es ist eine ökonomische Überlebensangst, maskiert als Liebe zur Ingenieurskunst.
German Angst auf vier Rädern
Diese Angst äußert sich in bizarren Rechtfertigungsstrategien. Niemand aus diesem Milieu würde offen zugeben: „Ich fahre diesen Audi Q5, weil ich will, dass mein Nachbar sieht, dass ich mir die Leasingrate von 600 Euro leisten kann.“ Das wäre zu vulgär. Zu proletarisch.
Stattdessen wird rationalisiert, was das Zeug hält. Wir haben im Rahmen unserer „Diagnose-Tests“ auf der Webseite hunderte solcher Gespräche analysiert. Es ist fast immer das gleiche Muster. Der Akademiker braucht einen moralisch unanfechtbaren Grund, um die Unvernunft zu legitimieren.
Hier sind die Klassiker der akademischen Selbsttäuschung, die uns immer wieder begegnen:
- Man redet sich ein, die Sicherheit der Familie stünde auf dem Spiel, weshalb unter zwei Tonnen Leergewicht und acht Airbags gar nichts geht – selbst wenn man zu 90 Prozent alleine im Stau steht.
- Plötzlich wohnen alle am Hang oder planen Expeditionen in die Arktis, was den Kauf eines Allradantriebs in der Kölner Innenstadt absolut unverzichtbar macht.
- Die „Langstreckentauglichkeit“ wird wie eine Monstranz vor sich hergetragen, weil man zweimal im Jahr zur Schwiegermutter nach Bielefeld fährt und danach keine Rückenschmerzen haben darf.
- Leasing wird als betriebswirtschaftlich hochkomplexe Sparmaßnahme verkauft, bei der man „praktisch Geld verdient“, wenn man den Neuwagen alle drei Jahre tauscht.
- Das Argument „Werterhalt“ wird so lange gebogen, bis ein 80.000 Euro teurer Neuwagen, der im ersten Jahr 20 Prozent an Wert verliert, wie eine solide Geldanlage klingt.
Der Fall „Professoren-Porsche“
Ein besonderes Phänomen, das uns bei der Arbeit an den Kurzfilmen für Status-Symptome aufgefallen ist, ist die Diskrepanz zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern – oder salopp gesagt: zwischen Geld und Geist.
Der klassische „Professoren-Porsche“ ist eigentlich ein Mythos, oder besser gesagt, ein Relikt. Wer heute an der Uni Karriere macht, fährt oft demonstrativ understatement. Hier greift eine andere Form der Eitelkeit. Der alte Volvo 240 oder ein Saab 900 (Gott hab ihn selig), der kurz vor dem Auseinanderfallen ist.
Die Botschaft hier ist subtiler, aber genauso arrogant: „Ich stehe über dem Statuskonsum. Mein Intellekt ist so gewaltig, dass ich mich nicht über Blech definieren muss.“ Das ist die Königsklasse der akademischen Eitelkeit. Man fährt eine Rostlaube nicht aus Mangel an Geld, sondern als Distinktionsgewinn. Man zeigt, dass man das Spiel durchschaut hat – und spielt es dadurch erst recht mit.
Doch wehe, die Midlife-Crisis kickt rein. Dann kippt das Bild. Plötzlich steht da doch der 911er in der Garage. Natürlich ein „Klassiker“, ein luftgekühlter. Bloss kein Neuwagen, das wäre ja neureich. Man muss stundenlang über die „Designsprache“ und die „historische Relevanz“ des Fahrzeugs schwadronieren können, um nicht als simpler Angeber dazustehen.
Die Diagnose: Akute Status-Insuffizienz
Was wir mit der Kampagne eigentlich zeigen wollten – und was viele der bitterbösen Kommentare in unserem Blog bestätigen – ist, wie wenig entspannt wir Deutschen mit dem Thema Mobilität umgehen. Ein Auto ist hierzulande nie nur ein Transportmittel. Es ist ein Avatar.
Der Druck ist immens. Wer als Anwalt, Arzt oder Unternehmensberater „falsch“ vorfährt, wird taxiert und abgewertet. Das ist keine Paranoia, das sind Fakten. Ich erinnere mich gut an einen Bekannten, einen brillanten Chirurgen, der leidenschaftlich gerne Fahrrad fuhr. Er wurde von der Klinikleitung ernsthaft beiseitegenommen und gefragt, ob es ihm finanziell gut gehe oder ob er Hilfe brauche. Weil er mit dem Rad zur Arbeit kam.
Das ist krank. Und genau deshalb haben wir diese Krankheit erfunden. Um dem Ganzen einen Namen zu geben.
Wenn Sie sich also dabei ertappen, wie Sie im Konfigurator heimlich das Häkchen bei „Entfall der Modellbezeichnung“ setzen, um Bescheidenheit zu heucheln, obwohl Sie gerade den größten Motor gewählt haben – atmen Sie durch. Es ist heilbar.
Ein pragmatischer Ausblick
Vielleicht ist die Lösung ganz einfach: Ehrlichkeit. Es ist okay, schöne Autos zu mögen. Die haptische Qualität eines gut gemachten Lederlenkrads ist was Feines. Der Sound eines Sechszylinders kann Gänsehaut machen. Das ist okay.
Aber hören wir doch auf, es intellektuell zu verbrämen. Sie kaufen den großen Wagen nicht wegen der Sicherheit, nicht wegen des Wiederverkaufs und nicht, weil er so praktisch ist. Sie kaufen ihn, weil er sich gut anfühlt und weil Sie Angst haben, ohne ihn weniger wert zu sein.
Die wahre Freiheit beginnt dort, wo mir egal ist, was der Nachbar über meine Stoßstange denkt. Wer das verstanden hat, fährt vielleicht am Ende doch wieder Dacia. Oder einfach Bahn. Und hängt das Diplom eben doch ins Gäste-WC.