Mal ganz ehrlich: Haben Sie in letzter Zeit versucht, in einem deutschen Parkhaus aus einem Auto zu steigen, das breiter ist als 1,90 Meter? Ich mache das beruflich – also mich mit Stadtplanung herumschlagen, nicht das Parken – und ich sage Ihnen: Wir haben ein Problem. Ein großes, verchromtes, zwei Tonnen schweres Problem.
Wir müssen reden. Nicht über Autos als Fortbewegungsmittel. Sondern über das Phänomen, dass der durchschnittliche Einkaufswagen für die Fahrt zum Bio-Markt mittlerweile aussieht, als wolle man eine militärische Blockade in Bagdad durchbrechen. Willkommen in der Welt der Stadtpanzer.
Als wir die Kampagne Status-Symptome starteten, hielten viele die Idee einer fiktiven Krankheit – der zwanghaften Obsession mit automobilen Statussymbolen – für überzogen. Heute, wenn ich durch München-Schwabing oder Berlin-Mitte laufe und sehe, wie sich ein Audi Q7 an einem Fiat 500 vorbeischiebt wie ein Tanker an einem Ruderboot, wirkt unsere Satire fast schon wie eine harmlose Dokumentation. Der SUV ist nicht mehr nur ein Auto. Er ist ein Symptom.
Die Diagnose: Territoriale Unsicherheit
Lassen Sie uns den Patienten auf die Couch legen. Warum kauft man sich ein Fahrzeug mit der Aerodynamik einer Schrankwand und dem Platzbedarf einer Einbauküche, um damit zu 90 % im städtischen Stop-and-Go Verkehr zu stehen?
Aus meiner Sicht als Planer und Beobachter urbaner Neurosen geht es hier selten um Bodenfreiheit für das Gelände. Seien wir realistisch: Der einzige „Offroad“-Einsatz, den diese hochgezüchteten Allrad-Monster jemals sehen, ist das rücksichtslose Erklimmen eines zu hohen Bordsteins vor der Grundschule.
Es geht um Psychologische Abschirmung. In einer Zeit, die von vielen als unsicher, hektisch und unübersichtlich wahrgenommen wird, bietet der SUV etwas, das kein Kombi leisten kann: Eine Trutzburg.
- Sie sitzen oben. Das ist der klassische „Thron-Komplex“. Man schaut auf den Rest des Verkehrs herab – wörtlich. Das suggeriert Kontrolle, auch wenn man gerade im gleichen Stau steht wie der Polo-Fahrer nebenan.
- Die Blechmasse dient als Pufferzone. Je dicker die Tür, desto weiter weg ist die Realität da draußen. Der Lärm, der Stress, die Radfahrer – alles prallt an der mentalen Rüstung ab.
- Es ist ein aggressives „Platz da!“-Signal. Wer in einem Kühlergrill formatfüllend im Rückspiegel auftaucht, der erzwingt Respekt, oder zumindest Angst. Das ist pure biologische Dominanz-Show, nur eben mit Blech statt Muskeln.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Entwickler eines großen Süddeutschen Herstellers. Nach dem dritten Bier gab er zu: „Wir designen die Frontpartie nicht für den Windkanal. Wir designen sie für das ‚Überholprestige‘. Der Vordermann muss instinktiv zur Seite wollen.“ Das ist keine Ingenieurskunst, das ist psychologische Kriegsführung auf der A9.
Wenn die Infrastruktur kapituliert
Jetzt schalte ich kurz meinen Stadtplaner-Modus ein, denn hier wird der Spaß ernst. Unsere Städte sind historisch gewachsen. Die Straßenbreiten in vielen Vierteln wurden für Pferdekutschen oder bestenfalls den VW Käfer geplant. Die deutsche Garagenverordnung (GaVo) operierte jahrzehntelang mit Mindestbreiten für Stellplätze von 2,30 Metern.
Und jetzt kommt der BMW X7 oder der Mercedes GLS. Mit Außenspiegeln kratzen diese Fahrzeuge an der 2,20 Meter Marke – oder reißen sie. Das bedeutet faktisch: Wenn so ein Koloss mittig parkt, kann niemand mehr aussteigen. Weder der Fahrer des Panzers noch der arme Tropf daneben.
Das führt zu einem Dominoeffekt, den ich täglich beobachte:
Der SUV-Fahrer weiß, dass er nicht in die Lücke passt. Also parkt er präventiv auf zwei Plätzen oder stellt sich „nur mal kurz“ in die zweite Reihe. Die Straße verengt sich. Der Lieferverkehr kommt nicht durch. Die Straßenbahn bimmelt sich die Seele aus dem Leib. Und der Besitzer des Stadtpanzers? Der sitzt im Café und fühlt sich sicher, weil sein „Status“ unübersehbar draußen steht.
Ein physikalischer Realitätscheck
Es gibt da ein Argument, das ich immer wieder höre, wenn ich diese Kritik anbringe: „Aber ich brauche den Platz für die Kinder!“
Pustekuchen. Schauen Sie sich die Innenraummaße mal genau an. Ein moderner VW Passat Variant oder ein Skoda Superb schluckt oft mehr Gepäck als viele dieser Lifestyle-SUVs, bei denen das Design der abfallenden Dachlinie wichtiger war als der Kofferraum. Der Platz im SUV geht nämlich meistens nicht in den Innenraum, sondern in die monströsen Radkästen, die gigantische Motorhaube und die dicken Türen.
Sie kaufen also weniger Nutzwert für mehr Geld, mehr Spritverbrauch und mehr Platzbedarf auf der Straße. Rein pragmatisch gesehen ist das Unfug. Aber Statussymbole waren noch nie pragmatisch.
Die grüne Lüge: Der Hybrid-Panzer
Nichts bringt mein Blut mehr in Wallung als das „E“ im Kennzeichen eines 2,5-Tonnen-SUVs. Das ist der ultimative Ablasshandel der Automobilindustrie und, seien wir ehrlich, auch der Politik.
Durch die steuerliche Begünstigung von Dienstwagen (Stichwort: 0,5%-Regelung) haben wir einen Markt geschaffen, in dem es finanziell *sinnvoll* ist, sich einen Plug-in-Hybrid mit 400 PS Systemleistung zu bestellen. Auf dem Papier verbraucht der dann 2,1 Liter.
Die Realität sieht so aus: Ich kenne Flottenmanager, die bekommen Leasingrückläufer nach drei Jahren zurück, bei denen das Ladekabel noch originalverpackt im Kofferraum liegt. Eingeschweißt. Nie benutzt.
Das Resultat ist ein Fahrzeug, das einen schweren Verbrennungsmotor UND einen schweren Akku spazieren fährt. Wenn der Akku leer ist – was auf der Autobahn nach 50 Kilometern der Fall ist – dann schleppt der Verbrenner das tote Gewicht des E-Antriebs mit. Der Realverbrauch schießt dann gerne mal in den zweistelligen Bereich.
Wirtschaftlich vielleicht clever für den Halter, ökologisch aber eine Bankrotterklärung. Es ist, als würde man Diet Coke zu seinem dreifachen Burger mit extra Bacon bestellen, um sich gesund zu fühlen.
Sicherheit: Die Festung gegen die Welt
Ein oft gehörtes Argument für den Kauf dieser Fahrzeuge ist die Sicherheit. „Darin fühle ich mich sicher.“ Subjektiv stimmt das. Sie sitzen in einem Tresor. Objektiv ist es jedoch ein wettrüsten, das alle anderen Verkehrsteilnehmer gefährdet.
Wenn ein SUV mit hoher Motorhaube einen Fußgänger oder Radfahrer trifft, sind die Verletzungen oft gravierender als bei flacheren Fahrzeugen, die den Körper „aufladen“. Beim SUV wird der Torso oder Kopf direkt getroffen. Besonders pervers wird die Logik bei Kinderunfällen: Die hohe Front sorgt dafür, dass Kinder oft gar nicht gesehen werden, wenn sie direkt vor dem Auto stehen. In den USA gibt es inzwischen tragische Statistiken über „Frontover“-Unfälle in der eigenen Einfahrt.
Wir erkaufen uns die individuelle Sicherheit der Insassen mit einer erhöhten Gefahr für alle, die sich außerhalb dieses Panzers befinden. Das ist keine Mobilität, das ist Egoismus in Stahl gepresst.
Die Heilung: Ein neuer Pragmatismus?
Was war das Ziel von Status-Symptome? Wir wollten den Spiegel vorhalten. Wir wollten, dass jemand, der gerade dabei ist, 80.000 Euro für einen „sportlichen Geländewagen“ für den Berliner Ring zu unterschreiben, kurz innehält und lacht. Über sich selbst. Über die Absurdität.
Vielleicht brauchen wir keine Verbote, sondern einfach eine neue Definition von Coolness. In den 70ern waren Pelzmäntel das ultimative Statussymbol. Heute ernten Sie damit mitleidige bis verachtende Blicke. Das Bewusstsein hat sich gewandelt.
Es wäre wünschenswert, wenn wir beim Auto einen ähnlichen Wandel hinbekommen. Weg vom „Meiner ist größer“, hin zu „Meiner ist cleverer“. Ein Auto, das in die Stadt passt, das Ressourcen schont und niemanden plattwalzt, zeugt von Intelligenz und Weitsicht. Ein Stadtpanzer zeugt heute oft nur noch von einem: Dass man die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat oder – schlimmer noch – dass sie einem egal sind.
Wenn Sie also das nächste Mal vor der Wahl stehen: Machen Sie den Selbsttest. Brauchen Sie wirklich die Geländeuntersetzung für den Weg zur Kita? Oder versuchen Sie nur, eine innere Unsicherheit mit äußerer Blechmasse zu kompensieren? Manchmal ist ein Kombi einfach nur ein Kombi. Und das ist auch gut so.