Es ist Freitagabend, kurz nach 22 Uhr. Sie sitzen im Außenbereich eines Cafés, vielleicht am Jungfernstieg in Hamburg, auf den Ringen in Köln oder in den Mannheimer Quadraten. Das Gespräch ist gut, der Wein auch. Doch dann reißt der Himmel auf. Oder zumindest klingt es so. Ein metallisches Knallen, gefolgt von einem tiefen, grollenden Röhren, das in den Häuserschluchten widerhallt wie Artillerietestfeuer. Ein AMG – oder war es ein M-Modell? – schiebt sich im zweiten Gang bei 5000 Umdrehungen an den Tischen vorbei.
Alle Köpfe drehen sich. Manche schütteln den Kopf, manche verdrehen die Augen, ein paar wenige zücken das Smartphone.
Der Fahrer hinter den getönten Scheiben sieht keine Genervtheit. Er sieht Publikum. Und genau hier, meine Damen und Herren, verlassen wir den Bereich der StVO und betreten meine Praxis. Als Verhaltenstherapeut sehe ich in diesem Moment nämlich keinen „Autofan“ und auch keinen Kriminellen. Ich sehe einen Patienten. Ich sehe ein tiefes, brüllendes Loch im Selbstwertgefühl, das notdürftig mit Carbon und Dezibel gestopft wurde.
Willkommen zur Visite. Heute auf dem Seziertisch: Der Autoposer und sein narzisstisches Grundrauschen.
Das Fahrzeug als verlängertes Ich (und andere Körperteile)
Man muss kein Freund von Sigmund Freud sein, um die Symbolik zu verstehen. Aber lassen wir die phallischen Witze mal kurz beiseite, die sind mir zu einfach. In der Psychologie sprechen wir von sogenannten Selbstobjekten. Für einen gesunden Menschen ist ein Auto ein Gebrauchsgegenstand oder vielleicht ein schönes Hobby. Für den narzisstisch geprägten Autoposer verschmilzt das Blech aber mit der eigenen Identität.
In den Sitzungen beschreiben solche Persönlichkeiten oft ein Gefühl der „Leere“ oder „Unsichtbarkeit“, wenn sie nicht in ihrem geschützten Kokon sitzen. Das Auto fungiert als Exoskelett. Ohne den Wagen ist er nur Lukas, 24, Azubi oder Junior-Sachbearbeiter, der vielleicht noch bei den Eltern wohnt und Probleme hat, Frauen anzusprechen. Aber sobald die Tür des 500-PS-Boliden ins Schloss fällt, verwandelt er sich.
Er wird unantastbar. Mächtig. Laut.
Das Phänomen ist im Rahmen unserer „Status-Symptome“-Forschung faszinierend: Die Diskrepanz zwischen realer Lebenssituation und dargestelltem Status ist oft gewaltig. Wir sehen Leasingraten, die 60 bis 70 Prozent des Nettoeinkommens fressen. Warum tut man sich das an? Weil die psychische Rendite – die gefühlte Überlegenheit im Straßenverkehr – höher bewertet wird als finanzielle Sicherheit oder eine eigene Wohnung. Der Narzissmus braucht Nahrung, und die ist an der Tankstelle teuer.
Warum eigentlich dieser Lärm? Eine evolutionäre Sackgasse
Lärm ist biologisch gesehen ein Warnsignal. Ein brüllender Löwe, ein Donnerwetter, ein einstürzender Fels. Unser Stammhirn, die Amygdala, reagiert darauf sofort mit Aufmerksamkeit. Man kann Lärm nicht ignorieren. Das ist physiologisch unmöglich.
Der Autoposer nutzt (bewusst oder unbewusst) diesen archaischen Mechanismus. Er zwingt seine Umwelt zur Wahrnehmung seiner Existenz. Es ist, als würde ein Kleinkind in der Supermarktkasse schreien, nur dass das Kleinkind jetzt einen Führerschein und eine Klappenauspuffanlage mit „Pop & Bang“-Mapping hat.
In der narzisstischen Logik passiert dabei folgendes:
- Ich mache Lärm, also habe ich Einfluss auf meine Umgebung. Ich kontrolliere die Atmosphäre.
- Die Leute schauen mich an. Ich bin der Mittelpunkt des Geschehens (auch wenn ich nur an einer roten Ampel stehe).
- Die körperliche Reaktion der anderen (Zucken, Hinsehen) wird als Respekt oder Ehrfurcht uminterpretiert.
Es ist ein klassischer Wahrnehmungsfehler. Ich erlebe das oft in Gruppentherapien, wenn Patienten erzählen, wie „neidisch“ die Leute gucken. Realistisch betrachtet schauen 90 Prozent der Passanten nicht neidisch, sondern mitleidig oder aggressiv. Aber der Narzisst verfügt über einen fantastischen Schutzmechanismus: Er filtert negative Reaktionen einfach raus oder deutet sie um. „Die hassen mich nur, weil sie nicht so eine geile Karre haben.“ Damit bleibt das brüchige Selbstbild intakt.
Die zwei Typen des motorisierten Narzissmus
Nicht jeder Poser ist gleich. Wenn wir genau hinschauen, differenzieren sich die Profile. Das hilft übrigens ungemein, wenn man sich das nächste Mal an der Ampel ärgert – Diagnose statt Wut.
Da gibt es den grandiose Typus. Er glaubt wirklich, er sei der König der Straße. Er fährt aggressiv, schneidet andere, parkt auf zwei Plätzen gleichzeitig (natürlich direkt vor dem Eingang). Für ihn sind andere Verkehrsteilnehmer nur Hindernisse, NPCs (Non-Player Characters) in seinem persönlichen Videospiel. Empathie? Fehlanzeige. Schuld sind immer die anderen. Wenn er geblitzt wird, ist es Abzocke. Wenn er einen Unfall baut, hat der andere nicht aufgepasst.
Viel interessanter – und häufiger, als man denkt – ist der vulnerable Typus. Außen harte Schale (Breitreifen, Spoiler, matt-schwarze Folierung), innen weicher Kern. Dieser Fahrer ist extrem kränkbar. Wenn er an der Ampel von einem eigentlich schwächeren Auto „abgezogen“ wird oder wenn jemand sein Auto nicht bewundert, bricht für ihn eine Welt zusammen. Er sucht im Außen ständig nach Bestätigung, um seine inneren Minderwertigkeitsgefühle zu beruhigen. Der Lärm ist hier buchstäblich ein „Schrei nach Liebe“. Bitte seht mich. Bitte bestätigt mir, dass ich wer bin.
Ein Wort zur „Poser-Szene“ als Gruppentherapie
Man sieht sie oft nachts an Tankstellen stehen. Motorhauben offen, Fachsimpeln über Downpipes und Chiptuning. Soziologisch ist das spannend. Es sind Selbsthilfegruppen. Hier wird die Illusion der Wichtigkeit gegenseitig aufrechterhalten. Man spiegelt sich im Glanz der anderen. Keiner würde dort sagen: „Du, sag mal, kompensierst du eigentlich gerade deine Versagensängste im Job mit diesem Heckspoiler?“ Das würde den unausgesprochenen Pakt brechen. Stattdessen lobt man die „brutale Optik“. Es ist eine Echokammer des Egos.
Vom Umgang mit dem Patienten: Eine Handlungsanweisung
Jetzt stehen wir da, als unfreiwilliges Publikum, und fragen uns: Wie reagieren wir auf diese Inszenierung? Die Polizei gründet „Sokos“, beschlagnahmt Fahrzeuge, verteilt Bußgelder. Das ist wichtig und richtig für die Sicherheit. Aber psychologisch? Psychologisch ist jede Reaktion der Polizei oft sogar eine Trophäe. „Die Bullen haben mich rausgezogen, so krass war mein Wagen.“ Es bestätigt den Rebellen-Status.
Als Gesellschaft haben wir aber eine viel mächtigere Waffe. Sie nennt sich: Indifferenz.
Stellen Sie sich vor, so ein Poser fährt brüllend durch die Innenstadt – und niemand schaut hin. Niemand dreht den Kopf. Niemand zückt das Handy. Das Gespräch im Café läuft einfach weiter, als wäre nichts passiert. Das ist die Höchststrafe für den Narzissten. Der Entzug der Aufmerksamkeit.
Hier sind meine „therapeutischen Maßnahmen“ für Sie, wenn Sie das nächste Mal einem begegnen:
- Widerstehen Sie dem Drang, wütend zu gestikulieren. Ein Stinkefinger ist Interaktion. Interaktion ist Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist Belohnung. Lassen Sie es.
- Schauen Sie demonstrativ weg. Fixieren Sie einen Punkt in der Ferne oder vertiefen Sie sich intensiv in ihr Brötchen. Tun Sie so, als wäre das Geräusch so bedeutungslos wie das Summen eines Kühlschranks.
- Wenn Blickkontakt unvermeidbar ist: Zeigen Sie keine Wut, sondern milde Langeweile. Nichts trifft ein aufgeblähtes Ego härter als der gelangweilte Blick eines Passanten, der signalisiert: „Oh, wie originell. Noch einer mit Lautstärkeproblemen.“
Status-Symptome: Heilung in Sicht?
Im Rahmen unserer Kampagne Status-Symptome haben wir oft scherzhaft gefragt: „Ist es heilbar?“ Die Antwort ist komplex. Echte narzisstische Persönlichkeitsstörungen sind therapieresistent, weil die Einsicht fehlt. Aber bei vielen jungen „Posern“ handelt es sich eher um eine Reifungsverzögerung.
Ich habe Klienten erlebt, die irgendwann – oft ausgelöst durch eine echte Lebenskrise, den Verlust des Jobs oder eine Partnerin, die den „Auto-Quatsch“ nicht mehr mitgemacht hat – aufgewacht sind. Der Moment, in dem das Auto verkauft wird und man plötzlich merkt, dass man auch in einem Twingo oder auf einem Fahrrad ein wertvoller Mensch sein kann, ist schmerzhaft. Aber es ist der Beginn echter Freiheit.
Bis dahin bleiben sie Gefangene ihrer eigenen Inszenierung. Sie müssen immer lauter werden, immer aggressiver fahren, weil der „Kick“ der Aufmerksamkeit sich abnutzt (Gewöhnungseffekt) und die Dosis erhöht werden muss. Es ist eine Sucht.
Also, beim nächsten Röhren in der Nacht: Ärgern Sie sich nicht. Haben Sie ein bisschen Mitleid. Da draußen fährt jemand herum, der so wenig von sich selbst hält, dass er einen V8-Biturbo braucht, um sich überhaupt zu spüren. Das ist eigentlich ziemlich traurig. Und verdammt teuer.