Das Auto als Lustobjekt: Fetisch und Blechliebe

Legen Sie sich hin. Machen Sie es sich bequem. Nein, nicht auf der Rückbank Ihres 7er BMWs, sondern hier auf der Couch. Wir müssen reden. Über Sie, Ihr Ego und diese merkwürdige, fast erotische Beziehung zu zwei Tonnen geformtem Stahl in Ihrer Garage.

Wenn wir im Rahmen der „Status-Symptome“-Kampagne eines gelernt haben, dann das: Die Grenze zwischen Autofan und einem ernsthaften, behandlungsbedürftigen Fetisch ist fließender als das Öl in einem warmgefahrenen Motorblock. Als behandelnder Psychoanalytiker dieser fiktiven Klinik sehe ich es täglich. Männer (und ja, es sind meistens Männer), deren affektive Bindung an das Kraftfahrzeug pathologische Züge annimmt. Wir nennen das im Fachjargon nicht mehr bloß „Autoliebe“. Das ist Blech-Erotik.

Schauen wir uns die Symptome an. Ganz ehrlich, wenn Sie Ihr Fahrzeug öfter streicheln als Ihren Partner, haben wir ein Problem.

Die Libido des Verbrennungsmotors

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen, dem Elefanten im Raum, oder besser gesagt: dem Hengst unter der Haube. Freud hätte seine helle Freude an der modernen Automobilindustrie gehabt. Es ist fast zu einfach, das Auto als Phallussymbol zu dekonstruieren, aber manchmal ist eine Zigarre eben doch nur eine Zigarre – und ein Auspuffrohr mit dem Durchmesser eines Abwasserkanals ist ein Schrei nach Anerkennung.

Das Röhren eines Motors triggert im männlichen Stammhirn uralte Mechanismen. Es ist das Balzverhalten des modernen Städters. Früher brüllten wir im Wald, um Rivalen einzuschüchtern und Weibchen anzulocken. Heute stehen wir an der Ampel am Jungfernstieg oder auf der Kö und lassen den Motor im Leerlauf wummern. Wumm-Wumm. Hören Sie das? Das ist nicht Technik. Das ist der akustische Beweis von Potenz.

Wir beobachten hier eine interessante Verschiebung. Die eigene körperliche Leistungsfähigkeit wird irrelevant. Wer braucht schon Muskeln, wenn er 500 Newtonmeter Drehmoment unter dem rechten Fuß hat? Das Gaspedal wird zum Auslöser für den Dopaminkick. Ein Tritt, und der Körper wird in den Sitz gepresst. Diese Beschleunigung, dieses G-Kräfte-Erlebnis, wird oft als „befriedigender“ beschrieben als zwischenmenschliche Intimität. Traurig? Vielleicht. Aber aus meiner klinischen Sicht absolut faszinierend.

Der Auspuff als Organ der Verkündigung

Besonders auffällig bei meinen Patienten mit akutem „Imponier-Syndrom“ ist die Fixierung auf den Sound. Es geht nicht darum, dass das Auto fährt. Es geht darum, dass jeder im Umkreis von drei Wohnblocks hört, dass es fährt.

  • Einige Patienten manipulieren die Klappensteuerung ihrer Abgasanlage manuell. Warum? Damit es im Tunnel lauter knallt. Das ist infantile Regression in Reinform. Das „Brumm-Brumm“ des Dreijährigen, nur mit einem Preisschild von 120.000 Euro.
  • Dann gibt es die Fehlzündungs-Fetischisten. Dieses künstlich erzeugte „Sprotzeln“ beim Gaswegnehmen. Es imitiert Rennsporttechnik, ist aber bei einem Straßenwagen so funktional wie ein Spoiler auf einem Einkaufswagen. Es dient rein der akustischen Dominanz.
  • Vergessen wir nicht die Subwoofer-Fraktion. Wenn der Bass das Kennzeichen zum Vibrieren bringt, ist das keine Musikliebe mehr. Das ist der Versuch, den eigenen Herzschlag durch externe Impulse zu ersetzen.

Glanz und Glorie: Die Autowäsche als Vorspiel

Kommen wir zum taktilen Aspekt. Haben Sie schon mal einen Mann beobachtet, der am Samstagvormittag sein Auto wäscht? Ich meine, wirklich beobachtet? Das ist keine Hygiene-Maßnahme. Das ist Zärtlichkeit. Das ist Foreplay.

Der Schwamm gleitet über die Kotflügel. Das Wasser perlt ab wie Schweiß auf gesunder Haut. In unserer Klinik für Status-Symptome sehen wir Patienten, die spezielles Carnauba-Wachs importieren, das teurer ist als jede Gesichtscreme, die ihre Frau je besessen hat. Das Auftragen erfolgt in kreisenden, meditativen Bewegungen. Es ist ein fast religiöses Ritual.

Die Hände tasten nach Unebenheiten im Lack – Flugrost, Teerflecken. Jeder Kratzer ist eine persönliche Kränkung, eine Verletzung des eigenen Egos. „Der Lack ist meine Haut“, sagte mir neulich ein Patient (nennen wir ihn Patient M., er fährt ein schwarzes SUV). Wenn der Lack glänzt, glänzt die Seele. Wenn der Lack stumpf ist, fühlt sich der Patient impotent und wertlos.

Es gibt hier klare Abstufungen der Obsession, die Sie vielleicht bei sich selbst prüfen sollten (ganz diskret, versteht sich):

  • Der pragmatische Fahrer fährt alle drei Monate durch die Waschstraße. Er will nur, dass der grobe Dreck weg ist. Er ist psychisch meist gesund.
  • Die gefährdete Gruppe wäscht jeden Samstag von Hand, nutzt aber normale Eimer und Schwämme. Hier beginnt die emotionale Überlagerung. Das Auto ist kein Werkzeug mehr, sondern ein Familienmitglied.
  • Die pathologische Gruppe – unsere Stammkundschaft – nutzt Knetmasse zur Lackreinigung, drei verschiedene Waschhandschuhe (einen nur für die Felgen, um Gottes Willen!) und trocknet das Fahrzeug mit einem flauschigen Mikrofasertuch ab, als würde man ein Neugeborenes wickeln. Hier sprechen wir von einer Objektsexualität, die dringend therapiert werden muss.

Der Innenraum: Rückzug in den Uterus

Setzen Sie sich in eine moderne Luxuslimousine. Was fühlen Sie? Geborgenheit. Die Welt da draußen ist laut, chaotisch und voller Menschen, die nerven. Im Inneren des Autos herrscht Stille. Gefilterte Luft. Perfekte Temperatur.

Tiefenpsychologisch betrachtet ist die Fahrgastzelle eine Rückkehr in den Mutterleib. Aber ein Mutterleib mit Sitzheizung und Massagefunktion. Das Leder riecht nach Reichtum und Sicherheit. Nappaleder. Haben Sie mal daran gerochen? Dieser süßliche, schwere Duft neuer Autos ist für viele berauschender als jedes Parfum. Er verspricht: „Du hast es geschafft. Du bist sicher. Du bist mächtig.“

Das Lenkrad ist dabei das Instrument der Kontrolle. In einer Welt, in der wir wenig kontrollieren können (den Chef, die Aktienkurse, die Kinder), gehorcht das Auto aufs Wort. Eine minimale Bewegung des Handgelenks, und zwei Tonnen Masse ändern die Richtung. Diese unmittelbare Kausalität gibt dem Fahrer ein Gefühl von Omnipotenz, das im krassen Gegensatz zu seiner oft banalen Realität steht.

Diagnose: Mechanophilie oder nur Materialismus?

Wir lachen darüber, aber die „Status-Symptome“ sind real. Wenn das Auto vom Gebrauchsgegenstand zum Lustobjekt wird, verlieren wir die Bodenhaftung. Wir definieren unseren Wert über Hubraum und Lackqualität. Und das ist gefährlich.

Warum? Weil Blech nicht zurückliebt. Egal wie sehr Sie es polieren, egal wie teuer das Super Plus ist, das Sie in den Tank füllen – wenn Sie gegen einen Baum fahren, schützt Sie das Auto nur physikalisch, nicht emotional. Die Leere, die viele mit dem Kauf eines neuen Autos füllen wollen, bleibt bestehen. Man nennt das die „hedonistische Tretmühle“. Kaum steht der Neue in der Garage, schielt man schon auf das Facelift-Modell. Es ist eine Sucht.

Natürlich, ein schönes Auto zu fahren macht Spaß. Ich fahre selbst gerne zügig (rein zu therapeutischen Zwecken, versteht sich). Aber wenn der Puls nur noch hochgeht, wenn der Drehzahlmesser den roten Bereich küsst, dann sollten Sie vielleicht doch mal unseren Selbsttest machen.

Ein Rezept vom Doktor

Was rate ich meinen Patienten, die unter akuter „Blechliebe“ leiden? Kalter Entzug ist meist zu hart. Ich empfehle eine pragmatische Desensibilisierung.

Fahren Sie mal eine Woche lang einen alten Kleinwagen. Einen mit Beulen. Einen, bei dem man die Gänge noch mit etwas Nachdruck einlegen muss und der nach kaltem Rauch und Wunderbaum riecht. Spüren Sie, wie Ihr Status bröckelt? Wie Sie an der Ampel ignoriert werden? Gut. Halten Sie dieses Gefühl aus. Atmen Sie da durch.

Wenn Sie danach wieder in Ihren geliebten Wagen steigen und feststellen, dass er einfach nur ein gut konstruiertes Fortbewegungsmittel ist und nicht der verlängerte Arm Ihrer Libido, dann – und erst dann – sind Sie auf dem Weg der Besserung.

Und jetzt bitte runter von meiner Couch. Der nächste Patient wartet. Er hat einen Kratzer in seiner Felge und ist völlig aufgelöst.